Amore & Co: Daten mit Gretl

Mit 40 + den Prinzen fürs Leben finden? Klingt fast unmöglich. Nicht für Gretl, die Expertin für amouröse Online-Dating-Abenteuer. Die mitunter sehr vielversprechend beginnen. Und zumeist mit hohem Unterhaltungswert enden … forty-something.rocks

Balduin, der Bolognese-Broker.

Daten ist nicht meine Hauptbeschäf­tigung. Primär habe ich mich dem Dasein als hingebungsvolles Mutter- und Karrieretier verschrieben. Minimalst verfügbare Freizeit wird hoffnungs- und sinnvoll investiert. Quasi nebenberufliches Finden von Mister Right. Heute auf dem Plan: Balduin – ein blassrosa Schimmer am relativ aussichtslosen Tinder-Horizont. Ein diskussionswürdiger Vorname zwar. Aber: Der potenzielle, als Börsenbroker tätige Prinz weiß rechtzuschreiben, Kommas richtig zu platzieren und empathisch-interessiert zu wirken. Volle Lippen, hippe Sonnenbrille, cooler Style. Ganzkörperfoto anfordern? Stimmencheck? Ach, das Gretchen lässt sich überraschen. Statt abendlichem Cocktailgeschlürfe wird sich also für einen lockdowntauglichen Spaziergang auf Abstand mit Beauty Balduin aufgehübscht. So spaziert Gorgeous Gretl in sportlichem, dennoch die figürlichen Vorzüge unterstreichenden Outfit Richtung Weinberg, wo sich drei Millionen andere Quarantäne-Flüchtlinge tummeln. Hinten im Gewühl Balduins fesches Ray-Ban-Gesicht. Meine Synapsen tanzen. Beim Nähertreten in Richtung Parkbank, auf dem der Traumprinz in spe weilt: mittleres Vorhofflimmern. Unpackbar. Unfassbar. Dort sitzt ein Mann mit dem braun gebrannten Model-Gesicht eines Erwachsenen. Allerdings in Volks­schüler-Größe. Und dazu ein Blähbauch und kurze, in der Luft baumelnde, trainingsbehoste Beinchen. Tja, nicht der Größte. Die Nur-Kopf-Fotos leuchten jetzt ein. „Griaß di!“, piepst mein Date mit Mädchenstimme, mit seinem kleinen Patschhändchen winkend. Gretl in Absurdistan. Wie in Trance reiche ich dem rundlichen Männlein, das uncharmanterweise nicht einmal aufsteht, geschweige denn die Sonnenbrille abnimmt, meine Hand. Da brüllt der Börsenbroker panisch: „Nücht! Corona!“, springt auf und schimpft. Ein blader Dreikäsehoch, der mir maximal zu den Nippeln reicht, und nun klugscheißerisch sämtliche Hygienevorschriften in Mezzosopran kundtut. So jemandem kauft man Aktien ab? Eine sprachlose Gretl ist selten. Aber jetzt gerade sehr, sehr möglich. Ich wünsche mir ein Erdloch. Oder einfach abhauen? Nö, das wäre nicht Gretl-Style. Es gibt Typen, die gibt’s gar nicht. Aber leider dann doch und mit ihnen jede Menge Unterhaltungswert für Plaudereien in illustren Damenrunden … Nach Luft japsend zündet sich der Leider-nicht-Traumprinz also nun eine Selbstgewutzelte an. Hievt sein dickes Körperchen ächzend auf die Bank und zieht mich neben sich. Sein ausgeleiertes Shirt ist übersät mit orangen Flecken. Heute Mittag gab es wohl Bolognese. Gestern und vorgestern offenbar auch –
dem allgemeinen Zustand des Leiberls nach zu schließen. So kleiden sich also Börsianer namens Balduin in ihrer Freizeit. Man dürfe ihn bitte nicht aufregen und schon gar nicht anstecken. Gretl, in latenter Schockstarre, nickt verständnisvoll. Er habe gerade seinen zweiten Herzinfarkt erlitten. So viel Stress, aber als Topmanager total normal. Kippt ein Red Bull und reißt sich die Kappe vom schwitzenden Haupt. Fataler Fehler: Das ansehnliche braun gebrannte Antlitz wird nämlich von einer milchfarbenen Glatze gekrönt. Das Büblein fingert Dose Nummer zwei aus seinem Rapid-Rucksack und kippt sie auf ex. Einen Jägermeister hinterher. So, jetzt sei er bereit. Positioniert sich und seinen dicken Ranzen erwartungsvoll auf der Bank und nimmt endlich die Ray-Ban ab. Mit blutunterlaufenen, blassgrünen Basedow-Glotzern glurt mich der Bolognese-Broker lüstern an. Bis dato hatte ich das Auflassen von Sonnenbrillen beim Kennenlernen für unhöflich gehalten. Doch in diesem Moment weiß ich: Alles im Leben, wirklich ALLES, hat seinen Sinn.

Foto: Ludwig Schedl

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