Superlative sind ihr egal

„Nachhaltige Projekte müssen auch leistbar sein.“, Caroline Palfy, Ingenieurin und Baumeisterin

Das weltweit beachtete HoHo Wien gab und nahm Caroline Palfy viel. Den Fokus verlor sie aber nie. Ein Gespräch über neue nachhaltige Baukonzepte.

Es war eine Zeit der Extreme. Mit dem Holzhochhaus HoHo Wien wurde sie weltberühmt, sie wurde als Pionierin gefeiert und vom skeptischen Lager angefeindet. Das vermeintlich wohltuende Rampenlicht ruinierte beinahe ihre Gesundheit, erzählt die Ingenieurin und Baumeisterin Caroline Palfy. Als Mutter von Zwillingen war sie darauf fokussiert, nachhaltige Bauweisen zu entwickeln; damit in die Öffentlichkeit zu treten, hatte sie nicht vor. „Bei der ersten Pressekonferenz war ich so nervös, dass ich die Gäste kaum begrüßen konnte, am nächsten Tag riefen BBC und New York Times an“, sagt sie. 

Um die Visionärin ist es stiller geworden, da sie lieber selten Interviews gibt, aber nicht etwa, weil ihr die Ideen ausgingen. Ganz im Gegenteil …

Sie setzen sich schon lange mit Nachhaltigkeit auseinander. Wie kam das?

Caroline Palfy: Ich bin sehr früh Mutter geworden und als Allein-erziehende auch finanziell manchmal an meine Grenzen gestoßen. Aber irgendwann kam der Moment, als es mir nicht mehr allein ums Geldverdienen gehen musste, sondern auch um die Werte, die mir wichtig sind. Ich hatte mich intensiv mit unterschiedlichen Baukonstruktionen beschäftigt, ich wollte aufrütteln und sagen: Holz ist regional, wächst in Österreich und wird am Land eingesetzt – warum tun wir das nicht auch im urbanen Raum? Das HoHo Wien ist ein Hybridbau; es rein aus Holz zu machen, wäre unökonomisch gewesen. Wir haben den Werkstoff Holz verwendet, wo es Sinn machte.

Wie erlebten Sie den Weg von der Idee bis hin zur Realisierung?

Günter Kerbler (Immobilienentwickler, Investor, Anm.) kaufte damals in einem Stadtentwicklungsgebiet Grund, der eine Hochhauswidmung hatte: in der Seestadt, nahe an der U-Bahn, wo man schon innovativ war und auch um weniger Autos bemüht. Ich hab gesagt: Wir können da nicht konventionell bauen. Ich brauche vier Monate Zeit und 180.000 Euro Budget, um zu prüfen, ob wir dort aus Holz bauen können. Wir haben damals schon 15 Jahre zusammengearbeitet, er hat sofort Ja gesagt.

Ich wollte von Beginn an keine Ausnahmegenehmigungen, sondern mit entsprechenden Expert:innen alles gut geplant wissen und frühzeitig mit der Behörde abstimmen, was möglich ist. In der Bauordnung stand, dass Hoch-häuser nicht aus brennbaren Materialien gebaut werden dürfen, aber: Ein Passus besagte, dass das doch möglich ist, wenn die Schutzziele erreicht werden. Wir lösten das mit kleineren Brandabschnitten und kürzeren Fluchtwegen, alles vollgesprenkelt. Dass wir das damals weltweit höchste Holzhochhaus realisierten (84 Meter, Anm.), hat mir jemand bei meiner ersten Pressekonferenz gesagt (lacht). Irgendwann hieß es sogar, dass ein Holzhochhaus in Norwegen höher wird, wir sollten mitziehen. Ich hab sofort Nein gesagt. Ich wollte zeigen, dass gute Fachleute in Österreich ein Holzhochhaus planen und bauen können, mir ging es nie um Superlative.

Das Vorhaben erntete viel Applaus, aber auch Gegenwind …

Ich war immer wieder eingeladen, das HoHo Wien zu präsentieren und war mit Zwischenrufen konfrontiert, was ich mir überhaupt einbilde. Wir erhielten Drohungen wie: „Eure höchste Zündholzschachtel werden wir schön in Flammen setzen.“ Wir mussten die Baustelle rund um die Uhr bewachen lassen. 

… und als das Projekt glückte?

Wir haben uns gefreut, aber ich war auch erleichtert. Bei der Eröffnung des HoHo hab ich zu meinem Team gesagt: Das ist das letzte Mal, dass ich mich ins Rampenlicht stelle. Ich hatte bereits enorme gesundheitliche Probleme, es waren sehr harte Jahre. Öffentlich habe ich damals nicht darüber gesprochen, es sollte nicht dem Projekt schaden.

Warum Holz?

Holz hat bei geringem Eigengewicht eine enorm hohe Tragfähigkeit; Dachstühle wurden schon immer aus Holz errichtet. Holz brennt, das stimmt. Aber es hat ein sehr gutes Brandverhalten. Wenn ich eine Holzsäule 90 Minuten lang mit 2000 Grad Celsius anfackle, wird sie um 1,4 Zentimeter schmäler, es entsteht eine Kohleschicht, aber das Restliche steht. Im Inneren verändert sich die Temperatur nicht. Also muss die Holzsäule einfach um den Abbrand vergrößert werden. Das ist ein Vorteil gegenüber Stahl. Wir kennen das vom Silvesterbrauch: Man erhitzt ein Metall im Löffel – und zack, plötzlich wird es flüssig. Das wissen wir auch von den Twin Towers, im Brandfall versagt die Tragkraft bei Stahl von einer Sekunde auf die andere (beim Feuer nach dem Anschlag 2001 in New York, Anm.).

Für mich ist es total spannend, den Holzbau so zu gestalten, dass nachhaltige Projekte auch aus ökonomischer Sicht realistisch, also leistbar, sind. Holz muss möglichst ressourcenschonend eingesetzt werden, auch in einer Riegelbauweise und nicht ausschließlich aus Massivholz, wo nun auch die Preise in die Höhe gegangen sind.

Welche sind Ihre aktuellen Schwerpunkte, woran arbeiten Sie gerade?

Ich wechselte von der Immobilien- in die Bauwirtschaft, um das Thema Nachhaltigkeit auf der anderen Seite voranzutreiben. Wir (sie ist Geschäftsführerin bei Handler Bau GmbH, Anm.) forcieren die Vorfertigung im Holzbau, das bringt viele Vorteile: Wir haben in der Baubranche einen Fachkräftemangel, für junge Leute ist es interessanter, an der Produktionsanlage witterungsunabhängig und dank Digitalisierung mit 3-D-Plänen zu arbeiten. Das ermöglicht eine hohe Qualität: In der Halle lässt sich ein Fenster genauer einbauen als auf der Baustelle. Um CO2 zu sparen, achten wir darauf, dass möglichst viele Elemente auf den Lkw passen. Wichtig ist mir auch soziale Nachhaltigkeit. Büromitarbeiter:innen sind nicht mehr Wert als Arbeiter:innen auf der Baustelle; ohne sie würde nichts funktionieren.

Ich beschäftige mich außerdem sehr viel mit dem Thema versiegelte Flächen. Wir können nicht alles auf die grüne Wiese stellen. Wir haben uns auf tolle modulare Baukonzepte spezialisiert, um Wohnungen über Einkaufszentren zu errichten: Dort ist nach oben hin Platz, der Holzbau ist leicht und das ist eine intelligente Möglichkeit, nachzuverdichten, um für junge Menschen schnell Wohnraum zu schaffen.


Text: Viktória Kery-Erdélyi
Fotos: Dormero Hotel AG / Horvath Barnabas, Simaprodinger, Daniel Hawelka

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