Engerl, schütz mich!

©Bubu Dujmic

Die Wiener Goldschmied Peter Ostrizek trifft mit seinen geprägten Schutzengerln den Zeitgeist. Und beweist gleichzeitig, dass traditionelles Handwerk immer noch unersetzbar ist.

Die Zeiten werden nicht besser, sagt Peter Ostrizek. Kriege, Krankheiten oder Umweltkatastrophen: „Ein Schutzengerl kann man immer brauchen.“ Und zwar jedermann, unabhängig vom eigenen Glauben. „Engel sind multi-religiös in den Herzen der Menschen verankert – egal, ob im Christentum, im Judentum oder im Islam.“ Sein „Original Wiener Schutzengerl“ hat seinen Ursprung in einem christlichen Marienbildnis aus dem frühen 16. Jahrhundert, nämlich Raffaels „Sixtinischer Madonna“: „Es ist das linke Engerl auf diesem berühmten Bild, das ein bisschen nachdenklich, aber auch ein bisschen wie ein Lausbub ausschaut. Allerdings hat meine Version nicht nur ein, sondern zwei Flügel.“ Warum? „Das weiß heute leider niemand mehr. Die Prägeform ist mindestens 150 Jahre alt.

Handwerk aus Leidenschaft
Peter Ostrizek ist Goldschmiedmeister in dritter Generation. Großvater Josef hat die Tradition im Jahr 1937 begründet, Mutter Ilse führte den Familienbetrieb in einer Seitengasse des Wiener Graben ab 1976. „Ich durfte hier schon als Kind sehr viel hämmern, sägen und bohren und habe deshalb sehr früh meine Leidenschaft für das Handwerk entwickelt“, sagt der 48-jährige Wiener, der die 33 Quadratmeter große Werkstatt 2001 übernommen hat.

Der Vater von drei Kindern werkt noch heute an dem gut 200 Jahre alten Eichentisch, „den schon der Opa gebraucht gekauft hat.“ Bis auf ein paar moderne Lampen sieht der Arbeitsplatz noch genauso aus wie zu Beginn. Die Lederschürze ist besonders wichtig: „Ich muss nicht jedes Mal am Boden herumsuchen, wenn mir so ein kleines Teilchen aus den Fingern rutscht.“ Außerdem sammelt sich darin Edelmetallstaub, der jeden Abend fein säuberlich gesammelt wird. Wie auch jedes abgenutzte Stück Schmirgelpapier „Am Ende ihrer Laufbahn hat meine Mutter 60 Kilo Abfall einschmelzen lassen – und daraus ein Kilo Feingold gewonnen.

Unter Druck zu Schmuck
Peter Ostrizeks Schutzengerln sind im Durchmesser 13 Millimeter groß und werden von ihm in allen denkbaren Goldarten, aber auch in Silber und Platin gefertigt. „Ich stelle die Legierungen selbst her – nicht nur für die Schutzengerln, auch für anderen Schmuck. Ich schmelze, walze, präge, glühe, löte und schleife, deshalb kann ich individuelle Wünsche erfüllen. Das wird traditionelles Handwerk immer von massengefertigter Industrieware unterscheiden.

Die Prägeformen seiner Schutzengerln bestehen aus gehärtetem Werkzeugstahl. Sie sind echte Unikate und könnten nicht mehr hergestellt werden, „weil Stahl in dieser Qualität nicht mehr gefertigt wird.“ Peter Ostrizek hat sie 2015 von einem damals 94-jährigen Kollegen gekauft, dessen Familie eine lange Goldschmiede-Tradition nicht weiterführen konnte. „Das Problem war: Es ist irrsinnig viel Wissen verloren gegangen. Es ist mir jahrelang nicht gelungen, die richtige Prägetechnik zu finden.

Die Lösung kam während des ersten Corona-Lockdowns 2020: „Plötzlich hatten wir alle sehr viel Zeit. Über einen Freund habe ich einen Mechaniker kennengelernt, der in seiner Werkstatt eine hydraulische Presse stehen hatte. Mit ihr konnte ich den notwendigen Druck erzeugen, um wirklich alle Details dreidimensional zum Leben zu erwecken.“ Vielleicht dank der Hilfe eines Schutzengerls?

wiener-schutzengerl.at


Text: Hannes Kropik

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