Geld ist nicht böse

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Von der Gehaltsverhandlung bis hin zum klugen Investieren: ein dreifaches Plädoyer für mehr Freude an Finanzen.

Der Puls rast, die Argumente fahren Karussell. Lieber doch vor der Tür umkehren? Lieber nicht während der Pandemie eine Gehaltserhöhung fordern? „Und das obwohl du Überstunden geschoben und mit deiner Arbeit dem Unternehmen hohe Beträge zu sparen geholfen hast?“, fragt Katja Radlgruber provokant. Sie selbst durchlief hohe Führungsebenen in einem der größten Lebensmittelkonzerne, gründete 2018 das Modelabel V-Suit für Business-Outfits und fand 2020 alias „Koach Katja“ ihre Berufung; Frauen zu empowern ist heute ihre Mission. „Frauen sehen ihre Erfolge und Stärken häufig nicht transparent, sondern verzerrt; viele unterschätzen sich selbst.“ Das Mindset, das es zu verinnerlichen gelte, lautet: „Es ist gut und in Ordnung, viel Geld zu verdienen. Geld ist nicht böse“, betont sie. „In der Wirtschaft ist es ein Spiegel der Wertschätzung.

Die Karriere
Im gleichen Atemzug animiert die Coachin, das Verdiente klug zu investieren. „Männern wird früher zugetraut, ihre Finanzen unter Kontrolle zu haben. Frauen wird eingeredet, sie können das nicht. Wir haben in der Schule den Börsenmarkt nachgebildet, ich war schon damals eine der Besten beim Fake-Traden“, lacht sie. „Aktien kaufen ist wie shoppen, nur besser, weil es Rendite bringt. Ein gutes Aktienportfolio kann genauso schön sein wie ein schöner Kleiderschrank.

Wer gar zu einem genussvollen Umgang mit den Finanzen findet, erspart sich viele Sorgen. Die durchschnittliche weibliche Erwerbsbiografie ist bis dato mehr als ernüchternd, weiß Finanzexpertin Marietta Babos. Herzstück ihrer mehrfach preisgekrönten Plattform „damensache.at“ ist eine Abbildung (siehe S. 29), die auf den ersten Blick verrät: „Jahre mit Teilzeitjobs haben fatale Folgen: Du hast weniger Einnahmen, zahlst weniger ins Pensionssystem ein und es fehlen auch die finanziellen Mittel, um privat vorzusorgen“, erklärt Babos. „Eben damit legt man im Idealfall in der goldenen Phase, also möglichst jung, los, aber man kann immer etwas tun.“ Wie vielfältig die Möglichkeiten dafür sind, dazu kommen wir später.

Wer Geld anlegen möchte, muss es im Regelfall freilich zunächst verdienen. Doch an welchen Schrauben kann für mehr Fairness gedreht werden? Coachin Katja Radlgruber richtet ihren Appell in zwei Richtungen: „Ich darf es als ArbeitgeberIn nicht riskieren, Frauen schlechter zu bezahlen; sie sind häufig die Leistungsträgerinnen im Team. Was ist, wenn sie sich monatelang benachteiligt fühlen, weil ein Kollege mehr verdient? Das führt dazu, dass dich deine weiblichen Talente verlassen. Ein Gender-Pay-Gap im Unternehmen ist risikoreich.

Umgekehrt braucht es auf individueller Ebene Mut, „sich über kulturelle Erwartungen hinwegzusetzen“, weiß Radlgruber. Für Frauen ist es leider bis dato ein Balanceakt, für ihre Wünsche einzustehen, bedauert sie. Ein Tool, das gut trainiert werden kann, ist das Wording: „Wichtig ist, wie man etwas kommuniziert, dass es ins aktuelle Spiel passt.

Weiters gehöre zum Rüstzeug für eine Gehaltsverhandlung, den eigenen Wert zu evaluieren: Was habe ich für das Unternehmen erreicht? Wenn sich die Erfolge nicht auf Zahlen herunterbrechen lassen, sucht man nach anderen greifbaren „business terms“.

Ich bin ein Fan davon, sich seine Fähigkeiten bewusst zu machen; die sind transferierbar und man versteift sich nicht auf eine Position; den Playground suche ich mir schließlich selbst aus.“ Positive Beispiele von Frauen, die quer in die IT oder ins Projektmanagement eingestiegen sind, kenne sie genügend. Role Models, die sie inspirieren, bittet Katja Radlgruber seit dem Vorjahr regelmäßig zum Interview für ihren Podcast „Female Leader Stories“.

Zu ihren Gesprächspartnerinnen zählt Finanzexpertin Marietta Babos. Sie absolvierte ihr Doktoratsstudium an der Universität St. Gallen mit der Bestnote, war lange Beraterin bei Roland Berger Strategy Consultants und ist Dozentin an Universitäten in Österreich und im Ausland unter anderem für strategische Unternehmensführung.

DER SCHOCK
Vor fünf Jahren passiert ein Schicksalsschlag, der Babos’ Familie mehrfach hart trifft: Ihr Vater stirbt unerwartet an einem Herzinfarkt; ihre Mutter, die zeit ihres Lebens arbeitete, ist von akuter Armut bedroht. „Zum Glück konnten mein Bruder und ich sie unterstützen, aber erst da wurde mir klar, wie schnell eine Frau in solch eine unwürdige Situation kommen kann. Das betrifft viele Mütter“, schildert Babos, die sofort Handlungsbedarf sah. Basierend auf -einer Studie mit mehr als 500 Tiefeninterviews gründet sie 2018 die Plattform „damensache.at“. Sie berät seither Frauen in Einzelgesprächen, hält Vorträge und Workshops, häufig auf Einladung großer Unternehmen. Der Aha-Effekt folgt stets, wenn sie ihre eingangs erwähnte (patentierte) Grafik zur weiblichen und männlichen Erwerbsbiografie zeigt. „Natürlich ist die Abbildung klischeehaft und trifft nicht alle, aber sehr viele Frauen: Sie absolvieren eine gute Ausbildung, ein Partner tritt ins Leben, man investiert in ein Eigenheim, das Einkommen steigt – und mit dem Kinderwunsch folgt der freie Fall.

DIE VORSORGE
Insbesondere bezüglich Familienplanung appelliert sie, sich mit der Möglichkeit des Pensionssplittings auseinanderzusetzen und die private Pensionsvorsorge keineswegs während der Babyjahre ruhend zu stellen. „Wir haben eine Scheidungsrate von über 40 Prozent; Männer sind in Beziehungen statistisch fünf Jahre älter und Frauen leben im Schnitt fünf Jahre länger; das bedeutet: Die letzten zehn Jahre sind wir häufig ohnehin allein. Alles Fakten, warum wir eine frauenspezifische Finanzlebensplanung brauchen.“ Ein Knackpunkt ist: „Unser Pensionssystem hat drei Säulen, das wissen viele nicht“, betont Babos. Es setzt sich aus der staatlichen, der betrieblichen und der privaten Vorsorge zusammen. Auch sei bei vielen die Systemumstellung noch nicht durchgesickert. „Früher waren die besten 15 Jahre der Zeitraum für die Bemessungsgrundlage; dass er nun sukzessive auf 40 Jahre angehoben wird, wirkt sich massiv auf Frauen aus.“ Zu abstrakt? Jeder von uns hat ein Online-Pensionskonto, wo man sich einloggen und nachsehen kann, wo man steht, wie viel aus heutiger Sicht fehlt, um später ein gutes Leben führen zu können.

DAS SHOPPING
Kommen wir zum genussvolleren Teil: den Investitionsmöglichkeiten. Das Credo der befragten Finanzexpertinnen: „Das Geld darf nicht auf dem Konto verwelken.“ Das klassische Sparbuch hat praktisch ausgedient, die Faustregel ist dennoch: Eine Notreserve von drei bis sechs Monatsgehältern sollte unangetastet und jederzeit verfügbar sein. Ist mehr da, kann das Geld mittel- oder langfristig, mit überschaubarem oder höherem Risiko angelegt werden.

Die Palette reicht von Wertpapierfonds über Gold bis hin zu sogenannten Vorsorge-Immobilien, mit denen man sich für später ein passives Einkommen sichern kann.

Aber: „Man muss kein Vermögen haben, um an den Kapitalmärkten partizipieren zu können“, führt Barbara Chiarini aus. Sie ist seit 20 Jahren mit Herz und Seele selbstständige Finanzberaterin unter dem Dach der Finum-Gruppe und berät ebenso im Sinne von „damensache.at“. „Man kann schon mit 50 Euro im Monat und entsprechenden Sparplänen in Aktienfonds investieren und gute Erträge erzielen.

DIE ZUKUNFTSMUSIK
Ob man sich nun für einen Fondssparplan auf dem Bankdepot oder im Versicherungsmantel entscheidet, macht laut Barbara Chiarini je nach Fristigkeit aus Steuergründen einen Sinn. Klar im Trend, insbesondere bei Frauen, die investieren wollen, sind nachhaltige Fonds. „Ein solcher kauft Aktien von Unternehmen, die in drei Bereichen möglichst gut unterwegs sind: Environmental, Social und Governance. Es geht also darum, wie nachhaltig das Unternehmen bei Umweltfragen agiert, wie es mit den MitarbeiterInnen umgeht und wie nachhaltig die Unternehmensführung ist“, erklärt die Expertin. Ausschlusskriterien nach österreichischen Maßstäben können Waffenproduktion, Kohle- und Kernenergie oder Menschenrechtsverletzungen sein. Selbst Corona-Finanzhilfen waren und sind häufig an den Aspekt der Nachhaltigkeit geknüpft; dass diese Bereiche weiter wachsen, stehe also außer Zweifel.

DIE ERSTEN SCHRITTE
Leider haben noch immer viele die Bankenkrise im Hinterkopf und trauen sich nicht zu investieren. Dabei kann man selbst mit schwankungsarmen Fonds und auch nach Abzug von Steuern und Kosten sicher höhere Erträge erwirtschaften als etwa mit Cash-Konten oder Sparbüchern. Der nachhaltige Bereich ist hier sicher ein Thema der Zukunft“, betont Finanzberaterin Barbara Chiarini. Sie sieht es als eine ihrer Herzensaufgaben, Frauen darin zu bestärken, „ihre finanziellen Angelegenheiten nicht an den Papa oder den Partner zu delegieren, sondern sich alle Möglichkeiten anzuhören, anzuschauen und selbst zu entscheiden. Mit kleinen Schritten erreicht man Großes, wenn sie kontinuierlich gemacht werden.

„Geld ist in der Wirtschaft ein Spiegel der Wertschätzung.“, Katja Radlgruber,
Karriere-Coach für Frauen
„Mit der Babypause folgt für viele Frauen der freie Fall.“, Marietta Babos.
Finanzexpertin damensache.at
„Nachhaltige Fonds sind das Thema der Zukunft.“, Barbara Chiarini, Finanzberaterin


Text: Viktória Kery-Erdélyi

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