Kunst als Investment

Arnulf Rainer. Der 92-jährige Österreicher ist einer der gefragtesten Künstler weltweit.

Eine Aktie kann man sich nicht an die Wand hängen. Ein Bild schon. Natürlich ist das nicht der einzige Grund, sein Geld in Kunst anzulegen. Längst nicht mehr nur großen, finanzkräftigen Sammlern vorbehalten, investieren verstärkt auch hierzulande kunstbegeisterte Käufer in Werke namhafter sowie aufstrebender österreichischer KünstlerInnen. Neuland für jene, die – an Sparen im klassischen Sinne gewöhnt – wenig Ahnung von der Szene haben, aber durchaus kunstaffin sind. Als Orientierungshilfe für sinnvolles Investieren dienen zahlreiche Tipps österreichischer Kunstexperten. 

LEIDENSCHAFT & GEDULD
Man sollte immer in Werke investieren, die einem persönlich gefallen“, weiß André Stolzlechner, Betreiber der Hollerei Galerie sowie WKO-Ausschussmitglied des Bundesgremiums für Juwelen-, Uhren-, Kunst-, Antiquitäten- und Briefmarkenhandel. Wie geht man als Neuling nun konkret vor? „Man braucht Zeit und Geduld. Wichtig ist es immer, sich mit einem Künstler intensiv zu beschäftigen, ihn zu googeln, also zu recherchieren, ob er ein fundiertes Kunststudium hat, wo er ausstellt, wann und in welchem Museum er seine erste Ausstellung hatte, ob er schon bei der Biennale mitgewirkt hat. Ein gewisses Renommee ist Grundvoraussetzung. Ratsam ist es, in Galerien, Auktionshäuser und auf Messen zu gehen. Ansprechpartner ist meist ein Galerist, da dieser ja daran interessiert ist, Werke des Künstlers, den er entdeckt und unter Vertrag hat, zu verkaufen“, rät der Experte, selbst leidenschaftlicher Sammler mit einer großen Vorliebe für Werke des in L. A. lebenden österreichischen Malers Hubert Schmalix. Rankings sowie das Beiziehen von Kunstsachverständigen erachtet er als ebenso hilfreich. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Nachwuchskünstler doch nicht so entwickelt wie vermutet, darf man nicht vergessen. „Es kann passieren, dass ein Shootingstar abstürzt und sein Werk nichts mehr wert ist. Da sollte man zumindest das Bild, das zu Hause im Wohnzimmer hängt, gern anschauen und sich nicht ärgern, dass es nicht mehr wert wurde!

Startgeld: 5.000 Euro
Das Risiko, das man eingeht, wenn man sein Geld in ein Kunstwerk steckt, hängt in erster Linie davon ab, was genau man kauft. „Man kann relativ entspannt in einen bereits am Markt etablierten, bekannten Künstler investieren. Der ist dafür natürlich umso teurer, bietet aber eine gewisse Sicherheit in Form eines konstanten Werts, der sich kontinuierlich nach oben entwickelt“, erklärt André Stolzlechner. „Oder man kauft bewusst einen jungen, unbekannten Künstler, von dem man hofft, dass am Ende eine Wertsteigerung eintritt.“ Valentin Kenndler, Consultant und Gerichtssachverständiger für Kunst nach 1945, weiß: „Wenn man auf einen jungen Künstler gesetzt hat, der sich im Anschluss am Markt etablieren konnte, macht sich in vielen Fällen auch schon ein 5.000-Euro-Investment bezahlt.“ Um aber einen Gewinn zu erzielen, muss man das Werk für einige Zeit halten, bevor man es weiterverkauft. 

TRENDS & KRITERIEN
Welche Trends prägen den Markt? Welche Kriterien sind ausschlaggebend dafür, dass sich der Wert mancher Kunstwerke vervielfacht, während andere nicht einmal den ursprünglichen Kaufpreis erzielen? Welche sind die künstlerisch interessanten Positionen zu noch leistbaren Preisen, wer die Blue Chips mit Luft nach oben? Für Anleger ist die Spanne zwischen künstlerischem Wert und noch nicht ausgereiztem kommerziellem Erfolg von Interesse. Je größer diese, desto kalkulier-barer die Wertsteigerung. Untersucht werden jene Faktoren im Rahmen eines alljährlich von Kunstexpertin Michaela Knapp und dem Magazin Trend erstellten Rankings, welches als zuverlässigste Bestandsaufnahme der heimischen Szene gilt. Eine Jury aus 70 Profis wie Museumsdirektoren, Privatsammlern, Kuratoren, Art-Consultants, Auktionatoren und -Galeristen bewertet Österreichs 100 beste lebende und verstorbene Künstler sowie aufstrebende Talente unter 40 Jahren auf Basis folgender Kategorien: künstlerische Bedeutung, kommerzieller Erfolg und Zukunftspotenzial. 

FIXE GRÖSSEN
Zeitgenössische Kunst ist gefragt wie nie. „Der Lockdown hat die Leute sogar verstärkt motiviert mitzubieten“, bestätigt Auktionator Otto Hans Ressler. „Die Leute sind zu Hause gesessen, hatten mehr Zeit, um Kataloge zu studieren, und kaum Alternativen, ihr Geld auszugeben“, analysiert der Experte. Österreichische Größen wie Maria Lassnig, Hermann Nitsch, Günter Brus oder Arnulf Rainer machten am Auktionsmarkt einen nachhaltigen Preissprung. Ressler rät, hier noch einzusteigen, denn diese Künstler würden noch teurer werden. Dem aktuellen Trend-Ranking zufolge ist Herbert Brandl die Nummer eins, auf Platz zwei liegt der 92-jährige Arnulf Rainer. Auf Rang drei rangiert Valie Export, international erfolgreiche Performance-Künstlerin. Arbeiten dieser etablierten Bestplatzierten schlagen zwar mit Summen ab 9.000 bis 750.000 Euro zu Buche, gelten aber als bombensicheres Investment mit viel Luft nach oben.

DIE NEUE KUNST IST WEIBLICH
Als ebenso vielversprechend gelten Brigitte Kowanz, Xenia Hausner, Martha Jungwirth und die verstorbenen Künstlerinnen Maria Lassnig oder Kiki Kogelnik. Damit setzt sich jene Entwicklung der letzten Jahre fort, dass Frauen deutlich in Marktpräsenz und Wahrnehmung der Sammler hinsichtlich der für ihre Werke erzielten Preise aufholen. Die Liste der U40-Szene zeigt noch stärker, was sich schon bei den arrivierten Namen abzeichnet: Frauen gewinnen in der Branche zunehmend an Bedeutung – die jungen starten noch radikaler durch: Unter den Top 50 der U40 sind heuer bereits 31 Künstlerinnen!

JUNG, DIVERS & MULTIDISZIPLINÄR
Das Trend-Ranking spiegelt auch wider, dass nun die Auseinandersetzung mit Gender- und Queerness-Fragen im Mainstream angekommen scheint. Die junge Generation als gesellschaftspolitischer Spiegel entdeckt die Diversität in Form eines globalisierten Kunstbetriebs, in dem alte Gendermuster durchbrochen werden. Multimedial und nicht marktkonform agieren die U40, indem sie angewandte, bildende Kunst und Sounddesign nach Lust und Laune mischen. Für Sammler mit Investmentgedanken sind gerade die U40 spannend, da diese schon bald die vorderen Plätze kräftig aufmischen könnten. Großes Potenzial sieht die Trend-Jury etwa in Anouk Lamm Anouk, Jakob Lena Knebl, Ashley Hans Scheirl, Angelika Loderer, Sophie Thun und Hanakam & Schuller.


Text: Gigi Fidanzia
Fotos: Stefan Diesner, APA picturedesk.com

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