Tradition & Moderne

Kunsthandwerk. Lobmeyr gehört zu Wien wie die ­Sachertorte. Der Familien­betrieb vereint die zeit­genössische Interpretation von Glas mit 200 Jahren Tradition. Leonid Rath führt das Unternehmen mit seinen Cousins in sechster Generation.

Das Geschäft in der ­Kärntner Straße hebt sich ab zwischen den Filialen ­einer billigen Bekleidungs- und Drogeriekette. Ein Grüppchen amerikanischer Touristen bleib davor stehen und wird darüber auf­geklärt, dass der Luster in der Metro­politan Opera von hier komme. Großes Erstaunen und Ehrfurcht zeichnen sich in den Gesichtern ab. „Das freut uns natürlich, aber gleichzeitig ist es auch ein Problem, mit dem wir zu kämpfen ­haben“, erklärt Geschäftsführer und Miteigen­tümer Leonid Rath. Er wünscht sich, dass die Produkte nicht nur als Luxus-Gegen­stände betrach­tet, sondern in den täglichen Alltag integriert werden.
Die Geschichte des Wiener Traditions­unternehmens begann 1823, als der Oberösterreicher ­Josef Lobmeyr ­seinen kleinen Laden in der Wiener Innenstadt eröffnete. Schon bald war er k. u. k. Hoflieferant des habsburgischen Kaiserhauses. Sein Sohn Ludwig präsentierte das Unternehmen auf den ersten Weltausstellungen. 1864 war er Mitgründer des heutigen Museums für ­angewandte Kunst in Wien. Ludwigs Neffe ­Stefan Rath sen. führte Lobmeyr in die ­Moderne und war 1912 Mitgründer des Österreichischen Werkbundes. Mit Josef Hoffmann und den Künstlern der Wiener Werkstätte entstanden Klassiker. Hans Harald Rath baute die Glaserzeugung nach dem Krieg wieder auf und revo­lutionierte den Kristallluster. Beispiele sind der Mittelluster in der Wiener Staatsoper oder der Luster in der Metropolitan Opera in New York.
Harald, Peter und Stefan Rath bauten das Unter­nehmen aus und erschlossen den arabischen und den japanischen Markt. 2000 übernahmen Andreas, Leonid und ­Johannes Rath den Familienbetrieb, erweiterten den internatio­nalen Vertrieb und setzten auf intensive Zusammenarbeit mit Designern der neuen Generation.
Kurze Zeit betrieb Lobmeyr eigene Glashütten, entschied sich aber im 19. Jahrhundert, in fremden ­Spezialhütten seiner Wahl erzeugen zu lassen. Die mit den besten Meistern geführte Werkstatt für Glasgravur und Schliff ist jedoch noch heute in eigener Hand. Im 3. Bezirk werden Luster gefertigt und Glas mit traditionellen Schliff- und Gravurtechniken veredelt. Dahinter stehen sehr alte handwerkliche Techniken und die Sorge um kleinste Details: „Diesen Sinn für besondere Qualität heute noch in zeit­ge­mäßen Entwürfen umzusetzen, ist nur im Familien­unternehmen möglich, wo Neues vor allem aus Freude am Tun entsteht“, sagt Leonid Rath, der den Betrieb mit seinen Cousins partnerschaftlich führt.

better life: War es immer klar, dass Sie den Betrieb übernehmen?
Leonid Rath: Erstaunlich klar. Mein Vater hat mich toll und zwanglos an die Sache heran­geführt. Ich habe bis zur 5. Klasse ein normales Gymnasium besucht und bin dann in eine HTL für Glas, Keramik und Baustoffe gegangen. Danach habe ich noch ein Wirtschaftsstudium gemacht. Das war eine sehr gute Kombina­tion. Ich habe das Handwerk teilweise gelernt und war immer Ferialpraktikant in Glashütten, auch im Glasmuseum in New York.

Wohin exportieren Sie und wer sind Ihre Kunden?
Hauptmärkte sind die USA und Japan, auch die Beneluxländer und die Schweiz. Die Luster verkaufen sich dank des Immobilienbooms in letzter Zeit gut in Österreich. Wir haben zum Glück auch nach wie vor viel Wiener Kundschaft, die uns gezielt aufsucht. Es gab auch einen Generationenwechsel. Hochzeits­listen sind ebenfalls sehr beliebt. Unser Glas soll beides sein: raffiniert und gleichzeitig bestän­diger, funktionaler Begleiter im Alltag.

Seit der Firmengründung arbeiten Sie bewusst mit unterschiedlichen Gestaltern zusammen?
Wir waren immer sehr neugierig bezüglich Kooperationen. Ob Architekten der Wiener Ringstraße im 19. Jahrhundert oder heraus­ragende Künstler der Gegenwart. Der komplexe Werkstoff Glas erfordert, sich wirklich in die ­Materie hineinzudenken, wir arbei­ten ­daher auch oft langfristig zusammen.

Wie entstehen Ihre Designs?
Wir sind sehr streng in der Auswahl unserer Designer. Es ist eine Entwicklungsarbeit. Ich fahre regel­mäßig zu den Handwerkern in den Glashütten, oft auch mit den Designern. ­Einen Entwurf einfach hinzuschicken funktioniert nicht. Je mehr Wissen man über das Verhalten von Glas hat und je mehr man kommuniziert, desto mehr Erfolg hat man mit dem Endergebnis. Das fertige Produkt wird in Wien noch geschliffen und graviert. Bei den Lustern wird die komplette Metallarbeit auf Juwelier­niveau hauptsächlich aus Messing gemacht.

In Ihren Produkten steckt viel Handarbeit?
Ein gravierter Zierbecher bei Lobmeyr wird durchschnittlich sechs Stunden bearbeitet. Meisterstücke können über 1.000 Graveur­stunden beanspruchen. Dadurch wird Glas erst kostbar. Letztlich zählt immer die Qualität.

Wann haben Sie mit der Lusterproduk­tion begonnen?
Luster und Spiegel gab es schon relativ am ­Anfang, die Hofburg und Schönbrunn sind voll mit Barocklustern von Lobmeyr. In der zweiten Designwelle mit der Wiener Werkstätte gab es einen großen Schub zum modernen Luster, der – im Gegensatz zu den klassischen
Kerzenlustern – die Leuchtquellen innen hatte.

Und natürlich den Met-Luster …
Der „Starburst-Luster“ von 1966 ist unser Bestseller. Er ist ja auch eigentlich kein Luster, sondern ein Archetyp, eine neue Idee der Beleuch­tung, eine richtige Explosion. Natürlich wurde die bis hin zu verwechselbaren Kopien übernommen. Aber das kann man ja auch als Auszeichnung sehen.

Vor kurzem haben Sie die „Wiener ­Melange“ kreiert …
Die Idee dahinter ist, ein hochwertiges, neues Souvenir zu einem günstigen Preis zu ­machen, das aber genauso für Wiener ein schönes ­Geschenk ist. Der Name steht einerseits für die Melange als Kaffee, andererseits für die Zusam­menarbeit zweier aufgeschlossener klassischer Wiener Manufakturen: Lobmeyr und Augarten. Das junge Design-Duo Lucy.D aus Wien hat das Set geschaffen, die Kaffeetasse ist ganz simpel aus feinem Porzellan, dazu ein schöner, kleiner Teller und ein Wasserglas.

Ihre Produkte sehen sehr filigran aus.
Sie sind robust und werden auch in der Gas­tronomie verwendet. Es war uns in den letzten Jahren wirklich ein Anliegen, mit der Posi­tionierung unserer Produkte, die Menschen dazu zu bringen, unsere Sachen zu verwenden. Es ist der Kampf gegen die Vitrine und den Dachboden. Man muss ja nicht gleich zwölf Stück kaufen, es reichen auch zwei.

Wie viel Glas geht bei Ihnen im Geschäft kaputt?
Fast nichts. Ich kann es selbst nicht glauben. Wir hatten Events mit 200 Leuten im Haus, aber es ist nichts passiert. Scheinbar funk­tioniert die Bewusstseinsentwicklung (lacht). Wenn man auf zwei Gläser von uns gut aufpasst, verspürt man auch einen gewissen ­Genuss im Gegensatz zur Kettenware. Wertvolle Produkte werden nicht langweilig und bereiten immer wieder Freude.

Machen Sie auch Sonderanfertigungen?
Ja. Unsere Luster sind alle einzig­artig. Individuelle Aufträge für Gläser mit Symbol, Monogramm oder Schrift werden immer beliebter.
Wir haben in den letzten Jahren auch verschiedene Home-Kollektionen gemacht, für Christian Dior oder Calvin Klein. Ich habe zwar Wirtschaft studiert, aber mein Herz liegt mehr im Design und in der Kunst. Wenn man wirklich überzeugt von einer Sache ist, belohnt das der Kunde. Ich glaube nicht an Produkte, mit ­denen man sich nicht identifiziert. Mit wenigen Dingen in guter Qualität lebt man viel besser als mit unnötig vielen Dingen.

Text & Interview: Ursula Scheidl
Fotos: Bubu Dujmic & Lobmeyr

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