Leben & Schlemmen in Lyon

Paris Who? Lyon läuft der französischen Hauptstadt punkto Charme, Location und vor allem Kulinarik den Rang ab.

Lyon ist die zweitgrößte Stadt Frankreichs. Die Genussmetropole der Grande Nation ist sie aber weit vor der Hauptstadt Paris. Das liegt an der privilegierten Lage – und am legendären Paul Bocuse.

Der 2018 im stolzen Alter von 91 Jahren verstorbene „Koch des Jahrhunderts“ (Gault Millau) ist freilich nicht die einzige berühmte Persönlichkeit, die aus der Metropole am Zusammenfluss von Saône und Rhône stammt. Auch der Physiker André-Marie Ampère, die Brüder und Kino-Pioniere Lumière und Antoine de Saint-Exupéry prägen heute noch die Stadt Lyon. Nach Letzterem, der begeisterter Pilot war, ist zudem der internationale Flughafen benannt. Der ist aber nur dann relevant, wenn man direkt aus dem Ausland kommt; für alle Anbindungen im Land ist man mit dem Hochgeschwindigkeitszug TGV besser beraten. Der bis zu 300 km/h schnelle Zug schafft es günstig in knapp zwei Stunden nach Paris – dieselbe Strecke mit dem Auto wäre kaum unter fünf Stunden zu schaffen. 

Geschichte und Genuss
Lyon wurde schon auf Basis einer keltischen Siedlung unter dem Namen „Lugdunum“ von den Römern als ursprüngliches Zentrum der Verwaltung Galliens etabliert. „Asterix“-Leser wissen mehr! Wiewohl Paris schon bald der Stadt den Rang als Nummer eins im späteren Frankreich ablief und sogar das weit kleinere, südlich gelegene Avignon als vorübergehender Papstsitz zu einiger Bedeutung kam, konnte Lyon immer seinen Platz als regionaler Knotenpunkt behaupten. Vor allem der wirtschaftliche Aufschwung im 19. Jahrhundert festigte den Status der Stadt; die pittoreske Basilika Notre-Dame de Fourvière zeugt vom Reichtum Lyons. Seidenweberei und Steinmetzkunst waren zwar damals die Hauptmotoren der Wirtschaft, dauerhafte Bedeutung erlangte Lyon aber hauptsächlich durch Küche und Keller – Frankreich eben. Wenn man exakt am Sweet Spot zwischen mediterraner Küche im Süden und dem Einfluss der alpenländischen Küche liegt und darüber hinaus im Norden mit Beaujolais und im Süden mit Côtes du Rhône zwei der besten Weinbaugebiete der Welt vor der Türe hat, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Kalorien bis zum Koma
Obwohl Lyon natürlich auch Universitätsstadt und Heimat erfolgreicher Fußball- und Rugby-Mannschaften ist und im Zweiten Weltkrieg das Nervenzentrum der französischen Résistance war, prägt vor allem ein Mann das Leben der Stadt: Paul Bocuse. Der Koch, der als wichtigster Wegbereiter der Nouvelle Cuisine gilt, hat mit seinem Stammsitz „L’Auberge du Pont de Collonges“ die Art, wie Frankreich und der Rest der Welt kocht und isst, nachhaltig mitbestimmt. Das Lokal wurde über mehrere Jahrzehnte durchgehend mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet und ist auch heute noch ein gefragtes Gourmet-Mekka. Für den Normalbürger gibt es über die Stadt verteilt fünf Brasserien, die dem hohen Standard seiner Schule (u. a. auch Witzigmann) verpflichtet, aber weit zugänglicher und leistbar sind. Ein Besuch in einem der zwar zwanglosen, jedoch hochqualitativen Lokale ist Pflicht! Apropos hochqualitativ: Ebenfalls einen Besuch wert ist die im Geschäftsviertel La Part-Dieu gelegene, nach ihm benannte Markthalle. Hier gibt es zig kleine Händler, die von Fisch über Bio-Wein aus der Region bis zu einer geradezu obszönen Vielfalt an Geflügel, Wild und Pasteten vorzügliche Spezialitäten feilbieten. Kleine Lokale da-zwischen schaffen Abhilfe, wenn der Appetit überhandnimmt! 

Das bessere Paris
Klar, wenn man an Frankreich denkt, dann kommen einem immer der Eiffelturm, eine romantische Bootsfahrt auf der Seine oder ein Ausflug nach Versailles in den Sinn. Warum aber die ausgetretenen und von den Hauptstädtern oft ein wenig brüsk begleiteten Wege auslatschen, wenn es doch weiter südlich in Lyon viel netter und familiärer zugeht? Inklusive UNESCO-Weltkulturerbe, selbstverständlich. Sogar einen Mini-Eiffelturm haben sie hier, unmittelbar neben der Basilika am Fourvière gelegen und tatsächlich nach Plänen von Gustave Eiffel errichtet. Es gibt auch hier zahlreiche Brücken – über gleich zwei Flüsse – und statt der lauten, alten Metro ein charmantes, modernes Straßenbahnnetz. Nicht zuletzt ist Lyon ideal als Basis, wenn man Ausflüge in die erweiterte Umgebung machen möchte. Bekannte Orte wie Avignon und Dijon sind dank exzellenter Zugverbindungen sogar als Tagesausflug möglich. Und das alles nur knapp zwei Flugstunden von Wien – das hätte sich auch der kühne Flieger Antoine de Saint-Exupéry damals nicht träumen lassen.


Text: Markus Höller
Fotos: iStock by GettyImages, Getty Images, Markus Höller

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