Modern inszeniert

Kein Strom, kein Wasser und zu klein für ihre Wohnbedürfnisse. Trotzdem wagte die fünfköpfige Familie den Schritt: Zu welch sehens- und lebenswertem Resultat die Entscheidung führte, das rund 300 Jahre alte Wirtschafts- und Wohnhaus eines Forstbetriebs zu übernehmen, zeigen die Bilder auf der vorangehenden Doppelseite. Zur Sanierung gesellte sich ein moderner Zubau mit Bretterfassade und großen Fenstern, die die Natur beinahe in den Wohnraum bringen.

KLUGE NACHVERDICHTUNG
Diese Art ,Bewusstseinsarchitektur‘, die noch vor wenigen Jahrzehnten einer alternativen Minderheit vorbehalten war, scheint heute auch im Mainstream angekommen zu sein“, orten die Architekturpublizistinnen Franziska Leeb und Gabriele Kaiser einen positiven Trend. Gemeinsam mit Eva Guttmann veröffentlichten sie den üppig bestückten Bild-band „Architektur in Niederösterreich“, indem sie unter anderem eine Reihe Wohnbeispiele und Lebens-modelle präsentieren, deren zentrale Triebfeder der sorgsame Umgang mit Natur und Ressourcen ist, wie sie es be-schreiben. Neben partizipativen Wohn-formen lassen dabei Projekte staunen, die „das Alte“ sinnvoll integrieren. Ziel müsse einerseits sein, „den in der Vergangenheit praktizierten exorbitanten Bodenverbrauch mit klugen Nachverdichtungen im Bestand zu korrigieren“, erklärt Franziska Leeb. Potenzial sehen die Autorinnen etwa in ungenutzten Bauernhofparzellen. Andererseits führen die angeführten Bauten vor Augen, von welch langer Lebensdauer qualitativ hochwertige Materialien sein können.

EIN BEISPIEL: DIESTRECKHÖFE
In die gleiche Kerbe schlägt der burgenländische Architekt, Autor und Hochschullehrer Klaus-Jürgen Bauer. Seine Initiative bzw. sein Institut „Rettet die Streckhöfe“ basiert auf mehr als zwei Jahrzehnten praktischer Erfahrung, in denen er „das behutsame, richtige Reparieren“ forciert. „Die Streckhöfe sind das Beste, das es im Burgenland gibt“, ist er überzeugt. „Sie sind ein Flächendenkmal, aber teilweise nicht als solches geschätzt und gep‰egt.“ Er weiß auch, praktische Vorteile anzuführen, allen voran: „Das Tolle ist: Das Haus ist schon da.“ Der ursprüngliche Wohntrakt an der Straßen-front mag zwar oft mit nur rund 70 Qua-dratmetern klein ausfallen, „aber es gibt hinten angereiht die Wirtschaftsteile, häu•g einen großen Stadel, also unglaubliche Raumreserven auch für loftartige Räume, die den Streckhof perfekt für das heutige Leben machen. Und: Es existiert kein anderer Haustypus, bei dem ich so unmittelbar die Natur erlebe. Ich gehe raus und bin draußen.“ Dass wöchentlich mehrere Streckhöfe abgerissen werden, schmerzt ihn. „Jeder einzelne hat das Potenzial, ein tolles Heim beispielsweise für eine Familie zu sein“, sagt er. Die Herausforderung bei der Sanierung liegt etwa in der Suche nach Handwerkern und Materialien. „Streckhöfe sind einfach gebaut, wenn man weiß wie, kann man sie einfach reparieren, so dass das Projekt kostengünstiger ist, als ein Neubau. Dabei ist die Qualität am Schluss unvergleichlich besser.“ Dass es weiter ein Umdenken als Gesellschaft braucht, steht auch für Klaus-Jürgen Bauer außer Zweifel. „Wir haben viele leer stehende Gebäude in den Ortskernen. Es muss wieder wert sein, Dinge zu behalten und zu reparieren. Dass jede Generation neu baut, können wir uns klimatechnisch nicht leisten und ist auch nicht notwendig.

KULTURGUT. Sie gehören zum burgen-ländischen Ortsbild und trumpfen hinter dem zumeist eher kleinen Wohntrakt an der Straßenfront mit unerwarteten Raumreserven auf: die Streckhöfe (Architekt und Fotos: Klaus-Jürgen Bauer, Eisenstadt)

VON EINEM DREISEITHOFINSPIRIERT. Der alte Bauernhof in Arbesbach war nicht mehr zu retten, dafür sein Erdkeller und die Findlingssteine der Wände, die bei der Errichtung des neuen Wohnhauses wieder verwendet wurden (Architekt Horst Zauner,Fotos: Johann Scheiber)

HERAUSRAGEND. Das zauberhafte, efeubewachsene Haus aus den 1920er Jahren in Korneuburg wurde um einen schmalen Kubus mit großen Fenstern für den Kindertrakt erweitert, der auf der anderen Seite markant in den Straßenraum ragt (LOSTINARCHITECTURE, Fotos: Franz Ebner).


Text: Viktória Kery-Erdélyi

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