„Ich darf auf der Klaviatur meiner Ichs spielen“

©Nils Schwarz

Er liebt die Extreme, das Exaltierte, die Herausforderung. Er kann auf der Bühne und am Bildschirm alles sein und geben, denn man nimmt ihm jede Rolle ab. Wann aber beginnt bei Ausnahmeschauspieler Philipp Hochmair das „echte“ Leben und was macht es aus? Das Multitalent im Talk.

Spätestens nachdem Philipp Hochmair 2018 spontan für Tobias Moretti bei den Salzburger Festspielen als „Jedermann“ einsprang, ist der 47-Jährige im deutschsprachigen Raum in aller Munde. Ein wilder Hund, der konservative Konventionen eher ablehnt und vor allem durch sein schauspielerisches Talent und seine Vielseitigkeit besticht, war er jedoch schon vorher. Ob als skrupelloser Politiker im Serien-Hit „Vorstadtweiber“, TV-Kommissar in „Blind ermittelt“, tragischer „Hamlet“ im Theater oder als unglücklicher Koch im Kinofilm „Tiere“ – Hochmair überzeugt immer, mit viel Pathos und noch mehr Leidenschaft. Und weil er gerne Neues ausprobiert, bespielen er und seine Band „Die Elektrohand Gottes“ seit 2015 kleine und große Bühnen mit ihrem Stück „Jedermann Reloaded“. Die musikalische Version mit Sprech­gesang vom Hugo von Hofmannsthal-Klassiker verbindet Hochkultur mit Rock ’n’ Roll und bringt den Stoff so einem breiten Publikum näher. Um dieser vielen Rollen Herr zu werden, braucht es viel Disziplin und besondere Rituale …

betterlife: „Das Bessere ist der Feind des Guten“ … Der französische Philosoph und Schriftsteller Voltaire hat Genuss, Exzess, Glamour und Tiefgang gelebt, dein Image hat ja auch oft mit dem eines „Lebemanns“ zu tun. Geht’s da mehr um die Kunst­figur ­Philipp Hochmair und die Leute verwechseln deine Rollen mit deinem wahren Ich? Gibt’s überhaupt ein „wahres Ich“? Wie kann man dich fassen?
Philipp Hochmair: Ich spiele gerne mit dieser Verwechslung und liebe es, meine Rollen ins Leben hineinzu­tragen, um sie auszutesten. Ich ­glaube, jeder hat mehrere Ichs, ich darf auf der Klaviatur meiner Ichs spielen. Durch meinen Beruf kann ich noch mehr ­davon ausleben und möchte mich auf keines festlegen. Ich muss sogar ­meine Rollen immer wieder wechseln und mich ständig neu erfinden, eine Kiste zumachen, die nächste aufmachen, so funktioniert mein Job und damit auch mein Leben. Aber natürlich fällt es mir als Schauspieler leichter, mit einem Kostüm auch mein Ich zu wechseln.

Was braucht es für dich im Leben, um zufrieden und glücklich zu sein?
Persönliche Freiheit und Kreativität sind für mich das Wichtigste. Mir meine Freiheit leisten zu können, dem Flow zu folgen, das macht es aus.

Würdest du sagen, dass du aufgrund deiner beruflichen Erfolge jetzt ein besseres Leben führen kannst als noch vor 10 bis 20 Jahren?
Es ist immer ein Kampf, aber der Kampf ist jetzt wesentlich ­lustiger als früher. Wenn z.B. Projekte jetzt nicht klappen, bin ich mittlerweile viel gelassener. Damals war ich wochenlang traurig und habe mich gefragt warum. Zurzeit darf ich verschiedene Dinge ­gleichzeitig ­machen, also sowohl Theater- als auch Filmschauspieler sein und mit meiner Band touren. Das erfüllt mich natürlich. Früher hätte ich mir nie aus­malen können, wie und ob das alles jemals klappt. Ich habe zwar immer hart gearbeitet, aber dass das alles so funktioniert ist ein Glück.

Du bist ja weitaus mehr als nur Schauspieler, du schaffst es, Hoch­kultur und Popkultur zu mixen und so für alle zugänglich zu machen. Was steckt hinter „Jedermann Reloaded“?
Mir war als Kind oft sehr langweilig im ­Theater und ich habe mir gedacht, dass es wichtig ist, was zu schaffen, das lebt und Spaß macht und Energie hat. Und vor allem auch bei jungem Publikum funktioniert. Meine Theater-Erfahrung damals mit Regisseur ­Nicolas Stemann und dem Stück „Werther!“ hat mich geprägt, das haben wir zuerst nur in Schulklassen aufgeführt. Die Frage war: Wie kann ich Goethes Briefroman in einer Stunde lebendig und modern für Schüler erzählen und performen. Dieser Ansatz war sicher auch ein ­Motiv bei „Jedermann Reloaded“. Was ist ­Jedermann heute? Was muss mit dem Stück passieren, damit ein 20-Jähriger sagt: „Das verstehe ich, das gefällt mir, Hoffmansthal ist geil!“

Wenn du dich entscheiden müsstest zwischen Bühne und Film, wie würde die Wahl ausfallen?
Eine sehr schwere Frage. Aber warum sollte man sich entscheiden müssen? Ich kann nur sagen, ich will beides. Und muss mich zum Glück nicht ent­scheiden.

Du wirkst immer wahnsinnig energetisch, gibt es auch bei dir mal das Verlangen nach Ruhe und dem süßen Nichtstun? Wie und wo lädst du deine Batterien wieder auf?
Ruhe ist meine Quelle und Ruhephasen sind essenziell. Ruhe, Ordnung und Chaos wechseln bei mir immer ab, natürlich muss bei mir alles Struktur haben, damit es läuft. Zur Entspannung springe ich sehr ­gerne ins Wasser. Bei den Dreharbeiten zu den neuen Folgen von „Blind ermittelt“ diesen Sommer in Wien habe ich mir z. B. nach jedem Drehtag, quasi als kleines Ritual, in der Donau am Abend die Schminke im Wasser abgewaschen und den Stress abgespült, mich im Donauwasser wieder neutralisiert. Dieses Bad, dieser Sprung ins Wasser, ist dann mein ganz privater Kraftmoment.

Wann und wo dürfen wir wieder etwas von dir sehen und erleben?
Im Jänner läuft die dritte Staffel von „Charité“ auf ARD und Netflix, da bin ich sehr stolz darauf. Und in der fünften Staffel „Vorstadtweiber“ gebe ich jetzt dann auch ordentlich Stoff, das ­startet im Winter. Meine Solos mache ich natürlich auch weiter. Die geplanten großen Theater-Ereignisse wie der ­Linzer Domplatz oder Grafenegg wurden coronabedingt alle auf 2021 verschoben.

Noch ist ja nicht klar, wer den Jedermann 2021 bei den Salzburger Fest­spielen wird. Und du wirst es uns nicht vor Dezember verraten. Aber: Kann man die Spontanaktion, für Moretti 2018 einzuspringen, überhaupt noch toppen? Wie ist es, gefragt zu werden, ob man der Jedermann werden will?
Ich freue mich, dass sich damals eine so unvergess­liche ­Geschichte ­ereignet hat. Das war eine sehr glückliche ­Win-win-Situation für alle Beteiligten. Und du fragst zurecht, ob das noch zu toppen ist! Wir werden vielleicht noch sehen … (lacht).

 

 

 

 

Text & Interview: Alicia Weyrich
Fotos: Stefan Joham

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