Prognosen-Papst

Als Trendforscher ist Matthias Horx derzeit heiß begehrt. Denn wir alle wollen wissen, wie es weitergeht mit der Pandemie, der Umwelt, der Digitalisierung und vor allem auch mit uns selbst.

Seit mehr als 25 Jahren beschäftigt sich Visionär Matthias Horx mit der Zukunft in all ihren Spielformen: utopisch, visionär, analytisch und sozio­logisch. Das von ihm gegründete „Zukunftsinstitut“ ist eine Art interdisziplinärer Thinktank, bei dem die gesamte Familie mit- und vordenkt. In Summe sind es an die 25 Mitarbeiter, die sich der ganzheitlichen Zukunftsforschung oder „Futurologie“ widmen, bei der es darum geht, verschiedene Disziplinen miteinander zu verschränken, wie beispielsweise System- und Komplexitätstheorie, Evolutionstheorie, Wahrscheinlichkeitswissenschaft, Soziologie und Sozioökonomie. Einen besonderen Augenmerk legt die ­Familie Horx dabei auf den humanen Aspekt, denn: Die ­Zukunft kann man nur durch das Verständnis von Mensch und Kultur verstehen.

better life: Im „Zukunftsreport“, Ihrem Jahrbuch für ­gesellschaftliche und wirtschaftliche Trends, analysieren Sie die prägendsten Entwicklungen unserer Zeit. Was sind die Perspektiven für 2021?
Matthias Horx: Das alte „Normal“ ist endgültig aus den Fugen geraten. Eigentlich war es schon lange ein „Unnormal“. Jetzt geht es um alles: Rebellion, Demokratie, Globalisierung, unternehmerische Verantwortung – und Freiheit. Es wird das Jahr der Entscheidung. Entscheidungen, auf welche Höhepunkte oder Niederungen die menschliche Kultur jetzt hinausläuft, im Ausklingen der Pandemie. Aber es ist zugleich auch eine Bilanz dessen, was passiert ist. Jetzt werden die Weichen gestellt, jetzt beginnt ein neues Jahrzehnt, in dem wir herausfinden, schaffen wir es, z. B. die Erderhitzung zu moderieren oder nicht? Der Zukunfts­report 2021 handelt sehr viel davon, wie wir die Welt neu ­kartographieren, im Sinne von „Remapping the World“. Mega­trends werden neu geordnet. Das amerikanische Zeitalter neigt sich endgültig dem Ende zu, das fossile Zeitalter verschwindet auch allmählich. Und Gegentrends entstehen: Globalisierung vs. Lokalität, Beschleunigung vs. rasenden Stillstand, Individualisierung vs. Gemeinschaftsinn …

Mit welcher Einstellung sollen wir in die Zukunft gehen? Optimistisch oder pessimistisch?
Weder noch. Pessimismus zielt auf unsere Ängste ab und verstärkt sie. Optimismus ist oberflächlich und verharmlosend. Ich schlage Zuversicht und kreative Hoffnung vor, als eine Haltung, die uns näher zum Handeln und Verändern bringt. Es ist reifer, erwachsener Optimismus, nicht blauäugig, sondern motivierend. Was kann ich, was sind meine Kompetenzen? Was kann ich bewirken? Man traut sich etwas zu und damit verändert man die Welt, statt sich vor ihr zu fürchten.

Wie werden wir in Zukunft über die ­Gegenwart denken?
Krisen lösen festgefahrene Denkmuster auf und zerstören das Überkommene. Sie erzwingen Innovationen, die vorher im ­Latenten stecken geblieben waren. Wir werden uns wundern, dass die sozialen ­Verzichte, die wir leisten mussten, selten zur Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre fühlten viele sich sogar ­erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multi­kanälen plötzlich zu einem Halt kam. ­Paradoxerweise ­erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst. Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an. Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewähren. Tele- und ­Videokonferenzen, gegen die sich viele immer gewehrt hatten, stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. Das Homeoffice wurde für viele zu einer Selbstverständlichkeit – einschließlich des Improvisierens und Zeit-Jonglierens, das damit verbunden ist.
Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge. Der Lockdown führt zu einer „Anthropause“, einer Unterbrechung oder zumindest Eindämmung des negativen menschlichen Einflusses auf die Atmosphäre. Kein Mensch – oder nur noch wenige hart gesottene – glauben heute noch an die große digitale Erlösung. Der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander? Die erstaunlichste Erfahrung dieser Krise ist doch, dass man die Angst überwinden kann, indem man sie zulässt. Dass wir da wieder herauskommen können. Wir wundern uns dann, dass wir immer noch da sind. Und plötzlich wirkt die Welt wieder frisch. Und fordert uns heraus.

Blick in die Zukunft.Wir haben die Komfortzone, die längst brüchig geworden war, hinter uns gelassen. Im Sinne der Zukunft ist das keine schlechte Botschaft.


Text: Heidrun Henke
Fotos: Klaus Vyhnalek, horx.com, zukunftsinstitut.de

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