Sie prägen & bewegen – Kämpfer des Jahres 2022

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Seit 2013 ist Michael Landau Präsident der Caritas Österreich, seit 2020 europaweit. Der Biochemiker, katholische Priester und Verantwortliche der Caritas im Gespräch …

better life: Sehr geehrter Herr Landau, die Ukraine-Krise und die unfassbar traurigen Schicksale haben in Österreich eine große Hilfsbereitschaft und Solidarität ausgelöst. Zahlreiche Hilfsorganisationen, aber auch Private, haben sich selbstlos engagiert. Die Caritas hat in nur wenigen Tagen Spenden in Millionenhöhe eingenommen. Wie setzen Sie die Mittel ein?

Michael landau: Die Bereitschaft der Menschen zu helfen ist tatsächlich überwältigend. Dank dieser Hilfsbereitschaft geht unsere Hilfe in der Ukraine weiter. Knapp 1.000 Mitarbeiterinnen sind vor Ort für die Caritas tätig. Wir betreuen Kinder in Kinderzentren, pflegen alte Menschen in entlegensten Gebieten und unterstützen Binnenflüchtlinge. Diese Hilfe geht weiter und wird jetzt ausgebaut: Wir helfen mit Nahrungsmitteln, Hygieneartikeln, Medikamenten und sicheren Unterkünften. Caritas-Einrichtungen und Schulen werden zu Notanlaufstellen umfunktioniert. Wo eine Evakuierung möglich ist, koordinieren wird diese. Zahlreiche Kinder aus unseren Kinderzentren konnten bereits in Sicherheit gebracht werden. Auch in den Nachbarländern, an den Grenzen zur Ukraine, wo Menschen oft völlig erschöpft ankommen, helfen wir. Und auch in Österreich läuft unsere Hilfe auf Hochtouren: auf den Bahnhöfen, in der Notversorgung, über Beratungsstellen, mit Info-Hotlines. All das zusammen mit tausenden tatkräftigen Freiwilligen, ohne die diese vielfältige Hilfe in ganz Österreich nicht möglich wäre. Wir haben in ganz Österreich bereits zahlreiche Geflüchtete aufgenommen und versorgt. Zudem arbeiten wir eng mit Bund, Ländern, Gemeinden und anderen Hilfsorganisationen zusammen, um diese Angebote zu koordinieren und je nach Bedarf sukzessive auszuweiten. 

Woran könnte es liegen, dass Kriege wie in der Ukraine, die geografisch näher sind, mehr Beachtung in der Gesellschaft bekommen, als z. B. die Krisen in Afrika, Syrien usw.? Muss man sich als Mensch identifizieren können, um Hilfe leisten zu wollen? 

Ich glaube, es ist wichtig, dass wir nicht eine Not gegen eine andere aufwiegen. Wir haben auch in anderen Krisensituationen eine enorme Hilfsbereitschaft und zivilgesellschaftliche  Solidarität erlebt. Auch wird es einen langen Atem brauchen – die Ukraine-Hilfe wird kein Sprint, sondern ein Marathon. Es gilt auch, darauf zu schauen, wie über einen Krieg berichtet wird: Die Nähe schafft für Medien die Möglichkeit, intensiver zu berichten. Es macht außerdem einen Unterschied, ob von „Menschenmassen“ die Rede ist oder Einzelschicksale porträtiert werden, wo automatisch mehr Empathie entsteht. Ich habe es schon oft gesagt: Es geht nie nur um Zahlen, sondern um konkrete, menschliche Schicksale. Wir als Caritas helfen unabhängig von Geschlecht, Religion oder Herkunft. Und genau das sehen wir schon immer in einem Großteil der Bevölkerung – Menschen wollen helfen, ohne Wenn und Aber.

Der Fokus liegt spendentechnisch momentan bei der Ukraine. Wie händeln Sie die anderen Krisengebiete bzw. gibt es unterschiedliche Teams, Spendentöpfe usw., die für ein jeweiliges Gebiet zuständig sind?

Die Caritas-Hilfe ist neben akuter Not- und Katastrophenhilfe immer auch geprägt von langfristigen Hilfsprojekten. Unser Ziel ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen und Projekte umzusetzen, die Menschen dabei unterstützen, auf eigene Beine zu kommen und selbstständig im Leben stehen zu können. Das beginnt bei Bildungsprojekten weltweit, damit armutsbetroffene Kinder bessere Zukunftschancen erhalten. Wir helfen aber auch mit Bildung und Beratung für Erwachsene, bieten in einigen Ländern Empowermentprojekte speziell für Frauen an und nachhaltige Landwirtschaftsprojekte etwa in Afrika, wo Familien Nutztiere, Saatgut, Werkzeug und Schulungen erhalten. Pro Land sind Expertinnen und Experten der Caritas zusammen mit bewährten Partnerinnen und Partnern vor Ort für die Organisation der Hilfe zuständig. In der Ukraine sind wir etwa bereits seit 30 Jahren tätig und konnten ein gutes Netzwerk aufbauen, das jetzt entscheidend ist, dass wir so rasch reagieren können. Das Gleiche gilt für den Südsudan oder den Libanon und andere Schwerpunktländer, in denen wir tätig sind. 

Wie könnte man es schaffen, dass das soziale Bewusstsein der Menschen, die privilegiert leben dürfen, geschärft wird, damit die Nächstenliebe weltweit mehr gelebt wird? Und was und wie kann jeder Einzelne von uns dazu beitragen?

Ich bin der Auffassung, dass wir in Österreich einen guten Grundwasserspiegel der Solidarität und Nächstenliebe haben. Bei unserer Freiwilligen-Plattform füreinand’ (fuereinand.at) haben sich seit Kriegsbeginn in der Ukraine über 18.000 Menschen gemeldet, die helfen wollen. Und ich erlebe auch in den Pfarren in ganz Österreich eine ungebrochene Tradition der Nächstenliebe. Bei der youngCaritas engagieren sich junge Menschen, die sozial etwas bewegen wollen. Unternehmen, Vereine und andere Gruppen engagieren sich, um Gutes zu tun. Die Liste der Menschen, die helfen, ist lang, und so vielfältig sind auch die Unterstützungsmöglichkeiten. Bei der Caritas gibt es für jede und jeden die passende Aufgabe: Die einen helfen lieber, indem sie Lebensmittel sortieren und ausgeben, andere machen Telefondienst beim Kältetelefon oder Plaudernetz. Die oder der Nächste kommt gerne ins Lerncafé und unterstützt Kinder und Jugendliche bei den Hausaufgaben oder ist an Begleit- und Besuchsdiensten für ältere Menschen interessiert. Wichtig ist, Augen, Ohren und unsere Herzen offen zu halten. Jede und jeder von uns kann dazu beitragen, die Welt ein Stückchen besser zu machen. Der Blick zurück zeigt: Was hat Österreich groß gemacht? Zusammenzustehen und auf die Schwächsten nicht zu vergessen.

Durch die Pandemie wurde die Schere zwischen Arm und Reich auch in Österreich immer größer. Die Rate der Menschen in Armut steigt auch hier. Gibt es laufende Projekte bei der Caritas diesbezüglich? Und was sollte die Regierung tun, um diesen Gap wieder weiter zu schließen?

Diese besorgniserregende Tendenz beobachten wir leider auch tagtäglich in unserer Arbeit. Immer mehr Menschen wenden sich an die Caritas, weil sie ihre Miete, ihre Stromrechnung oder Lebensmittel für sich oder ihre Kinder nicht mehr bezahlen können. Wir als Caritas helfen den Betroffenen, die in unsere 56 Sozialberatungsstellen, in Obdachlosenunterkünfte oder Mutter-Kind-Häuser kommen, ganz konkret mit umfassenden Beratungsangeboten, Lebensmittelpaketen und auch finanzieller Soforthilfe. Da das Problem an sich aber ein strukturelles ist, braucht es auch strukturelle Veränderungen, um armutsbetroffenen Menschen langfristig zu helfen. Denn durch die Teuerungswelle, und nun auch durch den Krieg in der -Ukraine, wird das Leben, Wohnen, Heizen immer teurer. Während die Ausgaben steigen, bleiben die Einkommen gleich. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Die Regierung hat bereits mit Einmalzahlungen reagiert, die an vielen Stellen das Schlimmste verhindert haben. Aber das kann auf Dauer nicht die Lösung sein. Es braucht aus meiner Sicht eine Reform, die sicherstellt, dass Versicherungsleistungen, wie etwa das Arbeitslosengeld, und Sozialleistungen, wie Sozialhilfe oder Familienleistungen, armutsfest sind.

Rassismus und Ausgrenzung sind Ihnen auch aufgrund Ihrer persönlichen Historie bekannt. Wie schaffen Sie es, immer wieder an vorderster Front weiterzukämpfen und die Hoffnung bzw. den Glauben an das Gute nicht aufzugeben?

Ich mache meine Arbeit als Caritas-Verantwortlicher seit knapp 25 Jahren. Und ich war in dieser Zeit häufig an Orten in Österreich und darüber hinaus weltweit, an denen Not spürbar wird. Vieles war bedrückend. Aber oft ist an diesen Orten neben der Not vor allem auch sehr viel Mut, Hoffnung und Zuversicht erfahrbar. Hoffnung, weil ich darauf vertrauen darf, dass Hilfe wirkt. Zuversicht, weil ich weiß, dass auch heute Abend jemand da sein wird, der Menschen auf Wiens Straßen mit warmer Suppe versorgt – und in Graz, Linz, Salzburg. Vor allem aber, weil ich in der Gewissheit lebe, dass sehr viele Menschen in Österreich und in der ganzen Welt an einer besseren Zukunft arbeiten und für andere da sind. 

In welche perfekte Welt mit einer idealen Gesellschaft werden Kinder von morgen hineingeboren …?

Als Christ würde ich sagen: Die Grundmelodie des Glaubens ist eine Melodie der Hoffnung, der Zuversicht. Die Erfahrung der täglichen Arbeit zeigt uns: Es liegt auch an uns, wie die Welt aussieht, in der wir leben. Wir können und sollen etwas ändern. Wir können nicht alles ändern, aber erstaunlich viel. Wir sind in eine Schicksalsgemeinschaft hineingestellt, hineinverwoben, aus der keine und keiner ausgeschlossen, aus der aber auch keine und keiner sich davonstehlen darf. Ich bin davon überzeugt: Wir haben den Mut, die Möglichkeit, die Kreativität und die Kraft, Gegenwart und Zukunft gut zu gestalten, wenn wir das wollen.

Jeder Beitrag zählt
Mit 25 Euro helfen Sie mit einem Nothilfepaket, das Zucker, Mehl, Tee, Sonnenblumenöl, Butter und Lebens­mittelkonserven enthält. 
BIC: GIBAATWWXXX
IBAN: AT23 2011 1000 0123 4560
Kennwort: Ukraine Soforthilfe
Weitere Infos unter: caritas.at/ukraine

Text & Interview: Alicia Weyrich

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