Sinn durch Verzicht

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Wir leben im Zeitalter des ­Überflusses und streben dennoch nach immer mehr. Warum gerade deswegen Verzicht die Wurzel des ­Genusses und der Lebensfreude ist …

Stellen Sie sich vor, Sie dürften wählen: zwischen einem Jahr Schlaraffenland nach einem Jahr der Entbehrung bei Wasser und Brot oder einem ­kargen Fastenjahr nach einem Jahr Genuss und ­Völlerei? Was wäre für Sie leichter zu ertragen?
Das erste Szenario ist für die meisten Menschen einfacher zu bewältigen und hat vielleicht auch damit zu tun, dass Zufriedenheit viel mit Erwartungsmanagement zusammenhängt. Unser Belohnungszentrum – genauer ­gesagt der „nucleus accumbens“ – wird durch verschiedenste Reize angesprochen, am besten dann, wenn etwas „besser als erwartet“ ist: wenn also ein gewisser Überraschungs-Kick damit Hand in Hand geht. Je selbstverständlicher Positives wird, desto mehr Stimulus braucht es und je mehr Genuss ohne Anstrengung erreicht werden kann, desto fataler ist die Wirkung.
Entdeckt wurde das bereits im Jahr 1954 von den US-Forschern James Olds und Peter Milner, die das Suchtverhalten von Laborratten untersuchten. Alleingelassen mit der Möglichkeit, das Belohnungszentrum im Hirn mittels eines Tasters, der mit einer Elektrode im Hirn verbunden war, aktivieren zu können, stimulierten die Tiere sich selbst bis zur absoluten Erschöpfung. Selbst angebotenes Futter ließen sie links liegen. Der Schluss: Auch jene, die anfangs meinen, jeden Tag mit Festschmaus, Alkohol und Party zu genießen, wäre himmlisch, würden wohl über kurz oder lang des Genusses überdrüssig werden.
Wir Menschen wissen nämlich tief drinnen, dass zu viel des Guten ungesund ist und verordnen uns deshalb immer wieder Verzicht. Wie sonst ließe sich der Trend zum Fasten, der Boom der „Stille-Retreats“ und der Hype um „Digital Detox“ erklären. Wir schützen uns damit vor einem „Zuviel“ und vor ­Abhängigkeiten. Mehr und mehr nimmt aber auch jene Zielgruppe zu, die sich in Verzicht übt und die eigene Willenskraft trainiert, um den Genuss noch intensiver zu erleben. Die erste Tasse Kaffee oder das erste Stück Schokolade nach langer ­Entbehrung ist von besonderer Intensität. Der Anblick des Sonnenuntergangs über dem Meer oder das türkise Seewasser ist umso schöner, wenn wir uns ein Jahr lang danach gesehnt haben.
Diese Beispiele untermauern sehr eindrucksvoll Arthur Schopenhauers Gedanken: „Erst der Verzicht der Dinge macht ­ihren Wert erkennbar“.
Warum fällt es uns dann aber so schwer, das Beste aus ­einem Mangel zu machen, bloß weil uns dieser unfreiwillig auferlegt wird? Vor allem dann, wenn wir Gutes gewohnt und vom Schicksal verwöhnt sind? Müssten wir nicht gerade in so einem Zustand besonders widerstands- und verzichtsfähig sein? In einer Überflussgesellschaft und nach über 70 Jahren Frieden in Europa sind uns Wahlmöglichkeit, Freiheit und Fülle zum Selbstverständnis geworden. Wird uns etwas davon entzogen, dann fühlen wir uns vor allem eines: beraubt! In der Psychologie spricht man dann von der „Verlustaversion“. Der Trieb des Menschen an Gewohntem festzuhalten, ist so stark ausgeprägt, dass wir sogar im Falle eines Tauschs doppelt so viel erhalten müssten, um Bestehendes aufzugeben. Das Festhalten wird genährt von einer Anspruchshaltung; der Überzeugung, ein Recht auf all das zu haben, was wir bisher zur Verfügung hatten.
Was daher in guten und schlechten Zeiten ­geübt werden kann, ist eine Haltung der Dankbarkeit, die nichts als selbstverständlich anerkennt. Gemeint ist damit eine gewisse Form der Ehrfurcht: eine Mischung aus Staunen und ­Demut. Dacher Keltner von der University of ­California, Berkeley hat erforscht, dass wir uns
bei der Ehrfurcht vor Dingen, die größer als wir sind, zwar kleiner fühlen und auf unser Ego verzichten, aber das Wohlbefinden im Sinne einer Verbundenheit mit der Welt steigt.
Die gute Nachricht: dieses Gefühl ist trainierbar, schon bei täglich 15 Minuten „Ehrfurchts-Training“ – z. B. bei einem Spaziergang in der ­Natur – konnte bei den Teilnehmern nach acht Wochen die Zunahme von Emotionen wie Mit­gefühl, Dankbarkeit und Lebensfreude dokumentiert werden.
Was es darüber hinaus in Zeiten der Fülle braucht, ist Kreativität, um das reichhaltige ­WOVON wir leben, auch einem sinnvollen WOZU zu widmen. Und mit „sinn-voll“ ist keine allgemeine Weltverbesserung gemeint. Sinn-voll ist all das zu erachten, was jeder Einzelne mit der Kraft seiner einzigartigen Möglichkeiten tun kann, um das Bestmögliche für sich und das unmittelbare Umfeld zu bewirken. Damit wird in guten Zeiten auch die Scheune oder Schatzkiste des Lebens so bestückt, dass in kargen ­Zeiten darin Vorräte ­gefunden werden.
Und was es in Zeiten der Entbehrung oder der Krise braucht, ist Flexibilität. Wichtiger als bei der Frage „Warum kann ich nicht mehr wie bisher?“ hängen zu bleiben, wäre es, den Fragen „Was geht noch immer?“ oder „Was könnte an Stelle des Bishe­rigen getan werden?“ oder gar „Wozu lohnt sich der Verzicht?“ nachzugehen.
Wer Krisen als Fragen des Lebens erkennt und sich dafür entscheidet, selbst gestaltend zu wirken, indem Verantwortung übernommen wird und Antworten gegeben werden durch Handlung oder Haltung, der kommt in eine neue Genuss- und Lebens­freude. In eine, die sich als Folge, als sogenanntes „Epiphänomen“ einer Handlung ergibt und nicht als direkt angestrebter Zustand.
Niemand wusste das besser und hat das eindrucksvoller vorgelebt als Viktor E. Frankl, der Begründer der Dritten Wiener ­Schule der Psychotherapie, der sogenannten „Logotherapie“, die auch als Sinn-Lehre gegen die Sinn-Leere bezeichnet wird. Fremd­bestimmter Verzicht könnte Frankls Vorbild folgend von uns als Gelegenheit verstanden werden, um „trotzdem“ das Beste daraus zu machen, also Gutes oder Bestmögliches zu tun, anstatt uns nur unmittelbar gut fühlen zu wollen. Die daraus entstehenden Handlungen und die damit verbundene Geduld führen zu einer Lebensfreude, von der wir langfristig zehren können und geben einen Vorgeschmack auf künftigen Genuss.

Text: Daniela Philipp

©Sabine Klimpt

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