Stimmgewalt & Feingefühl

Die lettische Operndiva Elīna Garanča zählt zu den erfolgreichsten Sängerinnen der klassischen Musikwelt. Im Interview gibt sich die Mezzosopranistin bescheiden, sensibel und hoffnungsvoll …

Das musikalische Talent wurde der 45-jährigen Opernsängerin Elīna Garanča wohl schon in die Wiege gelegt – der Vater Chor-dirigent, die Mutter Professorin für Gesang und Vokalpädagogin. Garanča selbst interessierte sich zuerst fürs Musical, entschied sich nach der Schule jedoch für die klassische Gesangs-ausbildung. Heute ist die lettische Mezzo-sopranistin weltberühmt. Und dennoch boden-ständig und dankbar für ihren Karriereweg geblieben …

better life: Verehrte Frau Garanča, Sie interpretierten vor kurzem die Fürstin von Bouillon in „Adriana Lecouvreur“ an der Wiener Staatsoper. Was macht diese starke Frauenrolle aus und mit welchen Gefühlen gingen Sie nach der langen Live-Pause aufgrund der Pandemie auf die Bühne?

Elīna Garanča: In Anbetracht der -Umstände ist es ein erstaunliches Gefühl, wieder vor vollen Theatern singen zu können, auch wenn man nie weiß, für wie lange. Ich schätze mich glücklich, an einem Punkt in meiner Karriere zu sein, an dem selbst die Live-Pause für mich nicht wirklich lang war. Nach der „Parsifal“-Produktion im April an der Wiener Staatsoper, die letztendlich nur online gestreamt wurde, habe ich praktisch nonstop gearbeitet und konnte den ganzen Sommer über bis jetzt für das Live-Publikum singen. Wenn ich zurückblicke, war es ein ziemlich fruchtbares Jahr inklusive zwei Rollendebüts – Kundry in Wagners „Parsifal“ und vor kurzem Fürstin von Bouillon in Cileas „Adriana Lecouvreur“. Manche Leute sagen, dass die Fürstin von Bouillon eine der „dunkelsten“ Frauen in der Opernliteratur ist, aus meiner Sicht könnte sie genauso gut verwirrt sein oder missverstanden werden. In der Oper ermordet sie ihre Rivalin Adriana, indem sie ihr angeblich ein vergiftetes Veilchensträußchen schickt. Aber um ehrlich zu sein, gibt es mehr Fragen als Antworten über die -Fürstin und wir können nur raten, wie sie wirklich tickt, ob es Eifersucht oder ihre eigene Unsicherheit war, die sie dazu brachte, die Blumen zu schicken, bzw. ob sie es wirklich war und wenn ja, ist es möglich, dass sie es danach bereut hat? Ich denke, dass das Offenhalten all dieser Möglichkeiten die Fürstin von Bouillon jedes Mal ein bisschen anders macht und nicht bloß zur schablonenhaften Rivalin. Das Schöne an meinem Beruf ist, dass man sich in Personen hinein-versetzen darf, die man immer anders ausleuchtet.

Im Dezember wird das Album „Live from Salzburg“ veröffentlicht, auf dem Sie zusammen mit den Wiener Philharmonikern unter Leitung von Christian Thielemann u. a. mit Stücken von Richard Wagner und Gustav Mahler zu hören sind. Recht schwermütige Musik. Bevorzugen Sie Rollen und Musikstücke mit viel Pathos und Dramatik? Welche Musik hören Sie, um gut gelaunt zu werden?

Garanča: Es war ein Wunder, dass die Konzerte im Sommer 2020 und 2021 bei den Salzburger Festspielen stattfanden, und es waren zweifellos Konzerte, die Geschichte schrieben, weil sie der weltweiten Krise der Livekultur trotzten. Und aufgrund ihrer herausragenden Inten-sität. Die aufgenommenen Wesendonck-Lieder von Wagner und Mahlers Rückert-Lieder sind nicht nur schwermütig, sondern auch hyperromantisch und träumerisch, optimal, um sich von der Realität zu entfernen. Für mich ist ein wechselndes Repertoire mit einer unterschiedlichen emotionalen Aufladung immer eine Reise, die ich mit größtem Vergnügen antrete; es wäre schade, mich nur auf funkelnde und offensichtlich fröhlich-leichte Stücke zu beschränken. Schließlich bin ich Sängerin und meine Stimme ist mein Instrument, das der Musik dient. Ich liebe es, alle Facetten darin zu entdecken. Was ich privat höre, um gut gelaunt zu werden? Am liebsten Stille … (lacht). Oder das Zwitschern der Vögel in meinem Garten, während ich im Hintergrund das Lachen meiner Töchter höre. Das ist wie Engelsmusik.

Mit „ZukunftsStimmen“ wollen Sie den Opernnachwuchs fördern. Worum geht es in diesem Projekt und was macht ein Operntalent aus?

Garanča: Mir und meinem Mann, mit dem ich die ZukunftsStimmen-Initiative ins Leben gerufen habe, ist es eine Herzensangelegenheit, den Sängernachwuchs zu unterstützen, ihn unter die Fittiche zu nehmen und beruflich wachsen zu sehen. Authentizität ist sicherlich eine der Eigenschaften, die einen unvergesslich machen kann. Heutzutage kann man hunderte von Sängern mit perfekter Technik und fabelhaftem Aussehen sehen und hören. Aber genau das wird in zehn Minuten langweilig. Deshalb ist es wichtiger, über den Inhalt nachzudenken und sich zu fragen: Habe ich diesen Menschen etwas zu sagen? Was ist es? Muss ich zu verschiedenen Emotionen oder Farben greifen, um es glaubhaft zu machen? Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass harte Arbeit, ein offener Geist und ein mutiges Herz einen immer näher an die Sterne bringen können.

Die Rolle der Operndiven hat sich im Laufe der Jahre verändert, optisch als auch ideologisch. Wie wichtig sind Schönheit und Perfektion in diesem Business? Haben es Frauen schwerer, in der klassischen Musik Fuß zu fassen als Männer? 

Garanča: Der Mensch ist von Natur aus ein visuelles Wesen und daher ist es nur natürlich, dass der Zuschauer ein hübsches oder interessantes Gesicht sehen möchte, wenn er ins Theater geht oder den Fernseher einschaltet. Klar, der gesellschaftliche Druck auf unser Schönheitsempfinden ist in den letzten Jahren immens gewachsen und die Erwartungen sind manchmal unrealistisch. Ich denke, dass diese Normen Männer und Frauen gleichermaßen betreffen. Und es ist kein Geheimnis, dass Marketing-experten oder Plattenfirmen ständig auf der Suche nach nicht nur talentierten, sondern auch charismatischen Künstlern sind, um eine sich gut -verkaufende „Brand“ um sie herum zu schaffen. In gewisser Weise hatte ich auch das Glück, dass ich nach dem „BBC Cardiff Singer of the World“-Wettbewerb 2001 wohl etwas war, das auf dem klassischen Musikmarkt fehlte – Mezzo, groß, blond, lettisch … Aber unabhängig davon, wie wichtig es für einen Künstler ist, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, wenn man an eine langjährige Karriere von 20, 30 oder 40 Jahren denken will, dann übertreffen Zielstrebigkeit, Entwicklung der Stimme und Disziplin defi-nitiv die körperliche Schönheit. Letztendlich geht es um die Technik und das Charisma der Stimme und nicht um das Charisma der körperlichen Schönheit.

Apropos Schönheit. Als -Testimonial für die Beauty-Linie „Master Lin“ werben Sie für Naturkosmetik aus Österreich. Was ist das Besondere an der Brand? Schönheit bedeutet für Sie …?

Garanča: Einer der wichtigsten und attraktivsten Faktoren der Master Lin-Produkte ist für mich die Authentizität und die unglaubliche Sorgfalt, mit der sie die Kraft der Natur mit der Tradition verbinden. Ich liebe es, dass nur natür-liche Zutaten der Hauptbestandteil der Kosmetik sind und gleichzeitig alle meine Erwartungen an eine High-End-Hautpflege erfüllt werden. Ab einem gewissen Alter weiß jede Frau, was sie braucht und will. Die Wahl eines Werbepartners ist für mich ähnlich wie die Wahl einer guten Kosmetik – er sollte zuverlässig sein, Versprechungen halten und mir das Gefühl geben, verwöhnt zu werden. Master Lin hat mich noch kein einziges Mal enttäuscht. Ich glaube, wahre Schönheit findet man dort, wo sich Perfektion und Makel treffen. Das gilt im Leben, in der Musik, in der Mode. Schönheit ist auch das wahre Verständnis dessen, wer man ist, und die Fähigkeit, sie von innen heraus zu entwickeln.

Welche beruflichen Pläne stehen für das kommende Jahr bei Ihnen an?

Garanča: Nun, das Wort „Plan“ ist abstrakter denn je geworden und wir können jetzt buchstäblich nicht mehr tun, als einen Tag nach dem anderen zu -leben. Mein Terminkalender ist im Prinzip absolut vollgepackt, geplant sind auch einige Konzerte, die seit dem Frühjahr 2020 verschoben wurden, aber in der heutigen Situation weiß niemand, wie viele davon realistisch stattfinden werden. In einer idealen Welt warten auf mich auch Auftritte in Berlin, London, Tokio, New York, Salzburg und wenn die Sterne günstig stehen, werde ich vielleicht sogar Amneris in Verdis „Aida“.

Wie verbringen Sie Weihnachten, welche Wünsche haben Sie für 2022?

Garanča: Über Weihnachten arbeiten wir nicht, da wir da nur Zeit für die Kinder und Familie haben wollen. Um ehrlich zu sein, freue ich mich auf alles, was ruhig und vorhersehbar ist, zumindest kurzfristig … (lacht). In das neue Jahr blicke ich mit der Hoffnung, dass die Gesellschaft stark genug sein wird, um die wahre Bedeutung des „Kollektivs“ wiederzuentdecken, und dass wir bald unsere Träume in einer gesünderen, weniger eingeschränkten Welt verwirklicht sehen können.


Interview: Alicia Weyrich 
Foto: Master Lin

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