Killer-Instinkt

Mit den „Metzger“-Romanen hat sich Thomas Raab in das Top-Ranking der deutschsprachigen Krimi-Autoren geschrieben. Das heurige Jahr war dennoch beruflich auch für ihn eine Challenge.

Erstens kommt immer alles anders. Und zweitens als man denkt. Eigentlich schon jetzt das Motto des Jahres. Auch den Bestseller-Autor Thomas Raab hat 2020 auf Trab gehalten und viele berufliche Pläne wurden verschoben. Bei all der Krisenstimmung kann man dem Ganzen aber auch Positives abgewinnen – im Fall von Thomas Raab zwei Neuerscheinungen und eine bejahende Grundeinstellung zum Leben …

better life: Sie haben zwei Bücher im Ausnahmejahr herausgebracht. Man könnte fast sagen – bestes Timing. Inwiefern hat Corona die Veröffentlichungen beeinflusst?
Thomas Raab: Ja das kann man sagen, bestes Timing und zwar im schlechtesten Sinne. Eigentlich sollte ich Lotto spielen. Denn zwei Bücher in einem Jahr kommt wahrscheinlich in einem Autoren-Leben nur einmal vor. Ein Lockdown in einem Jahr kommt, wenn überhaupt, dann hoffentlich in ­einem Jahrzehnt nur einmal vor. Aber dass dann bei beiden Büchern in einem Jahr unmittelbar mit der Veröffentlichung die Buchhandlungen zusperren müssen, ist schon ein selten übler „Glücksfall“. Die Vorschau-Kataloge der Verlage sind ja ein Jahr im Vorfeld fertig. Wir wussten also, dass im Jahr 2020 die zweite „Huber“ und der achte „Metzger“ kommen werden, Corona stand leider in keiner Vorschau. Beeinflusst hat Corona die Veröffentlichung aber sehr wohl, denn die Termine wurden alle abgesagt, die Lesereise gestrichen, und die Verlage mussten im Vorfeld auf ­Risiko viel drucken lassen, weil sie nicht wussten, ob die Druckereien überhaupt noch produzieren können. Jetzt bleibt zu hoffen, dass die Menschen vor allem den Buchhandlungen, die um ihr Überleben kämpfen, helfen und nicht bei den großen – deutschen, eh schon wissen – Playern bestellen.

Der „Metzger“ ist retour und dieses Mal eine Mischung aus Krimi und Liebesgeschichte. Also Gefahr und Romantik zugleich. Das spricht sowohl Männer als auch Frauen an. Kennen Sie Ihre typische Leser­schaft? Und ist Ihnen positives Feedback wichtig?
Beim Schreiben denke ich nicht an die Erfüllung ­einer Erwartungs­haltung. Da hätte ich den aktuellen Metzger erst gar nicht schreiben dürfen, denn hier habe vor ­allem ich mir einen Spaß gemacht und viel experimentiert. Wenn ich obendrein das Glück habe, damit vielleicht auch einige ­Leser vergnügen zu können, bin ich schon sehr ­beschenkt. Was Kritiken betrifft, bin ich selbstverständlich eitel, aber schon lang genug in der Branche, um zu verstehen, wie sehr ein Kritiker, der mich unter der Gürtellinie verreißt, noch viel mehr an seiner Eitelkeit leiden muss als ich. Grundsätzlich halte ich überhaupt nichts von dieser Bewertungsgesellschaft, in der wir leben und in der jeder auch online ungefiltert seinen Mist abladen kann. Ich wage zu behaupten, dass die gefährliche Spaltung der Gesellschaft, die Unfähigkeit, auch anderen Meinungen zuzuhören, in unmittelbarem Zusammenhang mit dummdreisten Forenkriegen, dem Verschwörungsirrsinn auf Facebook, Twitter und Co. steht. Je näher uns die vernetzte, weite Welt rückt, desto entfernt wird uns die unmittelbar eigene.

Welche Eigenschaften muss ein Autor haben, und für all jene, die einen Bestseller schreiben wollen: Wie geht man im Optimalfall vor, um eine Geschichte zu schreiben?
Die wichtigste Eigenschaft eines Autors ist Sitzfleisch. Schreiben ist zwar die schönste Beschäftigung der Welt – nach ein paar anderen Dingen –, aber es ist Knochenarbeit. Für mich läuft es stets nach demselben Prozedere: Ich beginne mit der leeren Seite und je mehr ich vorher schon weiß, desto schlechter und unlustiger wird der Arbeitsprozess. Insofern bin ich als einst schlechter Deutsch-Schüler der Meinung: Schreiben ist wie eine Stadtbesichtigung in einer dir fremden Stadt. Einfach aussteigen und losmarschieren. Sich begeistern können mit wachen Augen hilft dabei enorm.

In Interviews haben Sie bereits verraten, dass Sie als ­Autor nicht so weit gekommen wären, hätte Ihre Frau Sie nicht stets unterstützt. Wie wichtig ist es, dass der ­Partner einem sowohl den Erfolg gönnt als auch selbst etwas ­Ahnung von der Branche hat, in der man arbeitet?
Ich halte es für das eigene Leben als essenziell, sich von Menschen, die einem ständig ein schlechtes Gefühl ­geben und einen nur runterziehen, zu verabschieden. Familie und später der eigene Lebenspartner kann dir die Flügel stutzen oder beim Fliegen helfen. Das wichtigste „Lebensmittel“ ­neben dem Glauben an sich selbst ist es, mit Menschen umgeben zu sein, die grundsätzlich auch an dich ­glauben. ­Meine Frau hat meine Entscheidung, den Lehrberuf an den Nagel zu hängen und vom Schreiben leben zu wollen, zuerst unterstützt und dann niemals hinterfragt, selbst als ich die ersten Jahre wirklich kaum Geld nach Hause gebracht habe. Das ­waren nicht so einfache Zeiten, auch weil meine Frau damals wenig gedreht hat. Aber es war uns egal. Wir hatten unser Leben, ­unsere kleine Familie und das, was wir ­gerne ­machen.

Ihre Pläne und Wünsche für das kommende Jahr? Was können wir Ihrer Meinung nach alle aus dem Krisen-Jahr Positives mitnehmen?
Um zu sagen, was wir aus der Coronakrise lernen können, stecken wir vermutlich noch viel zu tief in dieser Krise fest. Im Augenblick kann ich zwar sagen, wie sehr mir vieles, das ich vor der Coronakrise geglaubt habe tun zu müssen und jetzt nicht mehr tun kann, wie beispielsweise das viele Reisen, überhaupt nicht abgeht. Nur ob das nach der Krise noch genauso ist? Fragen Sie mich in ­einem Jahr wieder. Die Erfahrungen jedenfalls, wie ertragreich eine einstündige Skype-Konferenz mit einer Person sein kann, für die ich einst in der Früh nach Berlin geflogen bin, um dort einen 2-Stunden-Termin wahrzunehmen und am Abend wieder heimzudüsen, wird mir keiner mehr nehmen. Herrlich befreiend ist das. So viel weniger Tempo. Beruflich arbeite ich zurzeit an ein paar Filmprojekten und an dem dritten Fall der alten Huber. Privat wünsche ich mir für meine Lieben und mich wie immer, so altbacken das klingen mag, nur diesmal mit einem völlig anderen Hintergrund, Gesundheit. Körperlich und seelisch. Und dazu die Kraft, sich um diese Gesundheit auch zu kümmern. Ein „Better Life“ kommt nicht von selbst, auch wenn es oft nur eine Frage der Perspektive ist.

Interview: Alicia Weyrich
Fotos: Simone Heher-Raab, Haymon, KiWi

Die neuesten Werke.
Thomas Raab hat heuer gleich zwei Bücher herausgebracht. „Helga räumt auf“ ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, der neue „Metzger“-Roman „Die Djurkovic und ihr Metzger“ bei Haymon. Mehr Infos auf thomasraab.com

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