„Nur zusammen können wir die Welt verändern“

©Chris Singer

Die gebürtige Salzburgerin Verena Altenberger gehört zu den erfolgreichsten Schauspielerinnen im deutschsprachigen Raum. Für sie zählen im ­Leben vor allem Fairness, Emotionalität, Empathie und Interesse an der Welt.

Ob als Kommissarin, humo­rige Altenpflegerin oder drogenabhängige Mutter – Verena Altenberger brilliert in jeder Rolle. Auch privat hat die 33-Jährige viel zu sagen. Da sticht sie vor allem aufgrund ihrer Offenheit und Kritik an der Gesell­schaft und Politik heraus. In ­ihren Augen können wir die Welt nur retten, wenn wir zusammenhalten und für das Gute kämpfen.

better life: Viele Bereiche der Kunst und Kultur stehen gerade still. Wie hat Sie die Krise beruflich getroffen?
VERENA Altenberger: Ich hatte unglaublich großes Glück – die Krise hat mich beruflich denkbar wenig getroffen. Dank einer besonders günstigen Drehsituation mit immer gleichem Ensemble, einer großen Studio-Location und einem hervorragenden Hygienekonzept wurden die Dreharbeiten der Serie „Wild Republic“ nach wenigen Wochen wieder aufgenommen. Anfang November fiel die letzte Klappe, wir sind ohne positive Testergebnisse und ohne gravierende Änderungen der Drehbücher durch die Dreharbeiten gekommen. Nun drehe ich in München meinen dritten Fall als Polizeiruf-Kommissarin Elisabeth Eyckhoff. Mit einer kleinen Pause im April für mich also ein ganz normales Berufsjahr.

Wird einem das Schauspieltalent in die Wiege gelegt oder kann man das bis zu einem gewissen Grad erlernen? Wann war der Moment, in dem Sie wussten, dass Sie diese Leidenschaft zu Ihrem Hauptberuf und Ihrer ­Berufung machen wollen?
Ich glaube, es ist eine Kombination aus beidem: Talent und Handwerk. Für mich maßgeblich sind auch Empathiefähigkeit und großes Interesse an der Welt. Ich wollte schon immer Schauspielerin werden, seit ich denken kann; das hat nur nicht ganz so einfach funktioniert, wie ich mir das in meiner ursprüng­lichen Naivität vorgestellt hatte. Daher der Umweg über ein Publizistik-Studium, das ich auch sehr geliebt habe. Nach meinem Bachelor-Abschluss und kurzer Berufstätigkeit wusste ich aber: Ich muss meinen Traum von der Schauspielerei noch einmal mit voller Energie in Angriff nehmen. Und dann hat es ja zum Glück geklappt!

Sie sind mittlerweile im gesamten deutschsprachigen Raum beliebt. Sind Ihnen Ihre österreichischen Wurzeln wichtig und wie oft kommen Sie „nach Hause“? Wie definieren Sie „Zuhause“?
Ich liebe meine Wahlheimat Wien und die Menschen, den Grant, die Tief- bzw. fast schon Abgründigkeit und die angenehm wabernde, ruhige Energie dieser Stadt. Mit der Stadt Salzburg verbinde ich sehr unterschiedliche Emotionen: Einerseits geht mir hier das Herz auf und ich finde die Stadt einfach wunderschön; andererseits fühle ich mich hier besonders eingeschüchtert, manchmal eingeengt. Die Natur des Salzburger Landes, vor allem Dorfgastein, wo meine ganze Familie herkommt, empfindet mein Körper wohl am ehesten als Heimat. Da klingt etwas in mir an, hier habe ich einen anderen Puls, schon wenn ich die ersten Bergsilhouetten und Baumwipfel sehe …
Mich fasziniert die österreichische Seele, aber ich weiß, dass diese besondere Liebe vor allem deshalb leicht zu pflegen ist, weil ich so oft aus der Ferne darauf blicken kann. Ich habe keine besondere Definition für Zuhause – ich schaffe mir mein Zuhause, wo ich eben gerade bin. Das ist manchmal etwas schwerer und manchmal sehr, sehr leicht. Grundsätzlich arbeite ich auch aktiv an meinem eigenen Verständnis von mir als Europäerin. Ich glaube an die Europäische Union als eine Werteunion, wobei es hier noch viel zu tun gibt. Ich meine noch genauere Abstimmung und Umset­zung europäischer Werte, aber auch die Schaffung einer europäischen Identität. Ein gesamteuropäischer öffentlicher Rundfunk zum Beispiel – das fände ich eine geniale Idee.

Sie spielen viele starke Frauencharaktere. Wie definieren Sie eine „starke“ Frau in der heutigen Gesellschaft?
Ich weiß nicht – ich kann nicht gar so viel anfangen mit dem Typus „starke Frau“. Männlichen Kollegen wird ja auch nie gesagt, sie spielten einen starken oder schwachen Mann. Insofern habe ich keine Definition, was eine starke Frau ausmachen soll – ist es die Karrierefrau, die zweifache Mutter und Hausfrau oder die junge Frau, die gegen eine Depression kämpft? Wichtig ist für mich die Solidarität unter uns Frauen in der Gesellschaft. Die Verbrüderung, den unbedingten Zusammenhalt, das „Männerbündetum“, das haben die Männer uns voraus, hier haben wir Nachholbedarf. Nur zusammen können wir die Welt verändern und zu einem gerechteren Ort machen – es liegt ohnehin noch ein weiter Weg vor uns. Der geht sich besser gemeinsam.

Haben Sie jemals Selbstzweifel, entweder beruflich oder auch privat? Wie pusht und motiviert man sich Ihrer Meinung nach am besten selbst?
Natürlich habe ich oft Selbstzweifel. Wobei ich nicht zwischen privat und beruflich trennen kann, ich bin ich, egal ob ich arbeite oder gerade nicht. Meine Rollen sind ich und ich bin meine Rollen. Für mich sind meine Selbstzweifel aber auch wie ein eingebauter Motor, der mich antreibt, der mich zwingt, ­genau zu sein, mich gut vorzubereiten, meine Arbeit, aber auch meine Empfindungen ernst zu nehmen. Wichtig ist, die Selbstzweifel nicht überhand nehmen zu lassen, sodass sie nicht lähmen. Ein relativ simpler Trick, der manchmal bei mir selbst ganz gut funktioniert, ist: Ich frage mich, wie würde ein Mann jetzt reagieren, wie lange würde ein Mann über diese oder jene Bemerkung nachdenken und so weiter. Viele Studien beweisen, dass Männer weniger auf die Meinung anderer geben, mehr Selbstbewusstsein haben und sich per se mehr zutrauen als Frauen. Den Schuh versuch ich mir deshalb ab und zu ­anzuziehen.

Wo sehen Sie sich beruflich und privat in 10 Jahren? Gibt es Wünsche und Anliegen in der Gesellschaft, die sich in den kommenden Jahren ­ändern sollten bzw. die Sie mitprägen ­können?
Beruflich habe ich eine lange Wunschliste ans Universum, ich hoffe, möglichst viel davon geht in Erfüllung. Privat fliege ich auf Sicht und bin gespannt, was die Zukunft bringt und wo es mich noch hin verschlägt. Gesellschaftlich hoffe ich, dass wir noch mehr zusammenwachsen – als Europäische Union und als Zivilgesellschaft. Dass der Zufall der Geburt nicht mehr so wichtig ist, dass die Grenzen für alle im selben Maße überwind- und überschreitbar sind. Dass der Stellenwert von Offenheit, Emotionalität und Chancengleichheit höher angesehen wird und die Politik entsprechend handelt. Und dass Diversität nicht als potenzielle Bedrohung, sondern als das hohe Gut angesehen wird, das sie ist.

Abschließend für uns alle interessant: Worauf dürfen wir uns demnächst freuen hinsichtlich Ihrer Schauspielerei?
Da ist gerade einiges in der Pipeline: Das österreichische Drama „Me, We“ von David Clay Diaz und die deutsche Tragikomödie „Hannes“ von Hans Steinbichler warten auf einen möglichen Kino­start. Der zweite Kinofilm von ­Adrian Goiginger „Märzengrund“, in dem ich wieder mit ihm zusammenarbeiten durfte, kommt frühestens Ende 2021 in die Kinos. Die vierte Staffel „Magda macht das schon!“ und die Magenta TV-Streaming-Serie „Wild ­Republic“ laufen vermutlich Anfang/Mitte 2021. Der Ausstrahlungstermin für meinen nächsten Münchner „Polizeiruf 110“, für den ich gerade vor der Kamera stehe, ist für Herbst 2021 geplant.

Text: Alicia Weyrich
Fotos: Chris Singer, ORF, RTL, Polyfilm

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