Zeitlos elegant

Rudolf Niedersüß im Salon, den Architekt Adolf Loos 1913 gestaltet hat. In der Vitrine hängt ein legendärer Knize-Frack: „Unsere große ­Spezialität.“

Spricht man in Wien von Maßanzügen, Smokings und Fracks, so spricht man von Knize. Schneidermeister Rudolf Niedersüß führt uns hinter die Kulissen seiner Modewelt.

Schwungvoll überträgt er das klassische Schnittmuster eines Sportsakkos mit seiner Kreide vom simplen Packpapier auf den edlen italienischen Wollstoff. Groß und kräftig sind die Hände des 86-jährigen Schneidermeisters: „Diese Hände“, lacht Rudolf Niedersüß mit wachen Augen, „hab’ ich vom Großvater, der war Schmied.

Er selbst ist Schneider geworden, weil der Vater im oberösterreichischen Waizenkirchen als Textilhändler jede Menge Stoff auf Lager hatte. Seit 1976 führt der Absolvent der Modeschule Michelbeuern den früheren k. u. k. Hoflieferanten, der 1858 vom böhmischen Schneider Josef Knize gegründet wurde und richtigerweise „Knische“ ausgesprochen wird.

Arbeit hält jung
Der Herrenausstatter am Wiener Graben, Ecke Bräunerstraße, ist ein Hort zeitloser Eleganz. In der Werkstatt im ersten Stock läuft leise Radiomusik, drei Mitarbeiter sind still am hinteren Ende des lang gezogenen Raums beschäftigt. Rudolf Niedersüß trägt leger ein Maßband um den Hals, es gehört zu seinen wichtigsten Accessoires. Eine Schere, mit der er seidenes Innenfutter zuschneidet, wiegt über ein Kilo. „Die Schneiderei ist ein anstrengender Beruf“, sagt Niedersüß, „du musst permanent Kontrolle über deine Bewegungen haben.“ Früher, sagt er mit Wehmut in der Stimme, hatte er 19 Mitarbeiter. Heute sei es schwer, motivierte und belastbare Handwerker zu finden. Er selbst, sagt der fünffache Vater, habe früher von acht Uhr früh bis zehn Uhr abends gearbeitet, jeden Tag, nur zu Weihnachten und Ostern hätte er sich ein, zwei Tage Auszeit in Oberösterreich gegönnt. Heute, mit 86, steht er „nur“ noch von 8 bis 19 Uhr in der Werkstatt – „ich gönn’ mir aber zwischendurch Pausen, dann setz’ ich mich hin und les’ die Zeitung.“ Der Ruhestand war selbst im Vorjahr kein Thema, als er an Covid-19 erkrankt war: „Ich bin unverwüstlich. Mir macht meine Arbeit einfach Freude, sie hält mich jung.“ 

Gute 90 Arbeitsstunden stecken in einem Maßanzug. Dass ein handgenähter Dreiteiler aus dem Hause Knize & Comp. seine rund 8.000 Euro Wert ist, steht für Rudolf Niedersüß außer Frage: „Unsere Arbeit ist das Gegenteil von schnelllebig. Ich selbst besitze rund 30 Anzüge, der älteste davon ist gute 60 Jahre alt.“ Wichtig ist die Pflege: „Einen Anzug trägt man nicht öfter als zwei Tage hintereinander, dann hängt man ihn zum Auslüften auf. Nimmt er die Feuchtigkeit des Körpers auf, setzt sich Staub fest und der Anzug wird schäbig.“ 

Stil statt Mode
Was zeitlose Mode ausmacht, ist für Rudolf Niedersüß leicht erklärt: „Adolf Loos, der dieses Geschäftslokal gestaltet hat, hat es so formuliert: ‚Elegant gekleidet ist der, der nicht auffällt‘.“ Seine Anzüge und Fracks – deren Schneiderei auf Antrag von Knize von der UNESCO im Bereich „traditionelle Handwerkstechniken“ gerade auf die Liste des immateriellen Kulturerbes gesetzt wurde – folgen keinen Trends. Knize-Schnitte sind, egal, ob als Maßanfertigung oder aus der Konfektion, mit ihren natürlich abfallenden Schultern im Prinzip seit Jahrzehnten unverändert: „Unsere Sakkos sind eine Spur kürzer als früher. Wir folgen Moden aber nur sehr vorsichtig. Wir haben unseren eigenen Stil.

Und das wissen seine Kunden zu schätzen, egal, ob internationaler Hochadel, Hollywood-Stars, Politiker oder Geschäftsmänner. Genauso, wie die Diskretion von Rudolf Niedersüß: „Man kommt sich natürlich nahe. Für manche Kunden bin ich nicht nur Schneider, sondern auch eine Art Beichtvater. Aber was bei Anproben besprochen wird, bleibt unser Geheimnis.“


Text: Hannes Kropik
Fotos: Stefan Diesner

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